Durch VR endlich selbst zu Iron Man alias Tony Stark werden – das klingt toll! Doch im Iron Man VR Test zeigen sich substanzielle Probleme.

Einmal ein Superheld sein! Jedes Kind träumt davon, Batman oder Superman zu sein und die Welt zu retten. Die Faszination der Helden aus dem Hause DC und Marvel ist über die Jahre geblieben und auch die Erwachsenen feiern Wonder Woman oder die Avengers bei jedem neuen Kinoauftritt.

Virtual Reality (Guide) versetzt uns sogar selbst in die Rolle von Superhelden: In Batman: Arkham VR durften VR-Enthusiasten bereits in den Anzug des dunklen Rächers schlüpfen. Und jetzt soll ich die Welt in Iron Man VR mit Stil und frechen Sprüchen retten dürfen? Ein Traum wird wahr!

Oder doch nicht?

Iron Man VR: Story? Welche Story?

Die Geschichte spielt rund vier Jahre nach Tony Starks Entschluss, seine Firma Stark Industries keine fortschrittlichen und todbringenden Waffensysteme entwickeln zu lassen. Zu diesem Zweck hat er eine KI-Version seiner selbst, die er „Gunsmith“ nennt, in digitale Rente geschickt. Außerdem möchte er, dass seine Assistentin Virgina „Pepper“ Potts die Geschäftsführung von Stark Industries übernimmt, damit sie seinen Verzicht auf Waffenhandel als Galionsfigur in die Welt trägt.

Pepper erfährt davon in den Nachrichten auf einer Flugreise. Plötzlich wird das Flugzeug attackiert: Die Gegenspielerin in Iron Man VR nennt sich selbst Ghost und will sich an Tony für die vielen Toten rächen, die seine Waffen auf der ganzen Welt produziert haben. Ironie des Schicksals: Zu diesem Zweck setzt sie Drohnen und Waffensysteme von Stark Industries gegen ihn ein.

Weiter will ich nicht spoilern, aber der interessante Teil der Geschichte, die sich nur bedingt an die aus Filmen und Comics bekannte Handlung hält, ist damit erzählt. Im weiteren Verlauf jage ich Ghost mit Hilfe der reaktivierten Gunsmith-KI von einem Schauplatz zum anderen. Dabei haben sich die Autoren nicht einmal die Mühe gegeben, eine zusammenhängende Geschichte zu entwickeln.

Gunsmith: Der nächste Angriff wird in Shanghai stattfinden.
Pepper: Woher will er das wissen?
Tony: Er irrt sich nie.

Na, wenn das mal nicht plausibel ist. Ein bisschen mehr Mühe hätte schon sein dürfen. Aber so wirkt es eben, als wären die Schauplätze schon dagewesen, bevor überhaupt an eine Story gedacht wurde. 

Flache Witze, dröges Writing

Mit Ghost wird mir dann der moralische Zeigefinger bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins virtuelle Gewissen gebohrt: Ja, ich habe begriffen, Waffen sind böse und schlecht und Tony muss für seine Waffengeschäfte büßen. Die Bigotterie der Antagonistin („Wenn du nicht sterben willst, müssen halt andere dran glauben“) ist da nur noch Mittel zum Zweck für ausgedehnte Ballereien.

Iron Man VR: So bastelt ihr euch euren Traum-Tony
Iron Man VR: Tony muss sich mit seinem ikonischen Anzug einer unbekannten bedrohung stellen. | Bild: Sony

Tony selbst ist für Fans der Iron Man-Filme kaum wiederzuerkennen. Oberflächliches Geschwafel prägen die Monologe, die mir als Tonys Gedanken innerhalb der Ladephasen verkauft werden. Subtilen Witz und Charakter muss ich mit der Lupe suchen. Überhaupt ist das Writing der Dialoge weit vom Feinsinn der Filme entfernt. Witze wirken bemüht bis flach, etwa wenn die Stark-KI alias Gunsmith völlig ohne Kontext konstatiert, dass sie nach alten Füßen rieche.

Vielleicht kommt auch einfach die Übersetzung schlecht rüber? Immerhin sind alle Dialoge auf Deutsch synchronisiert. Die Chance auf eine coole Story mit pointierten Dialogen wurde jedenfalls vergeben. Kann stattdessen das Gameplay überzeugen?

Ich bin Iron Man!

Fliegen im Iron Man-Anzug ist grundsätzlich super. Keine Spur von Motion Sickness (ich habe im Stehen gespielt) und die Feinheiten der Anzugsteuerung wurden teilweise hervorragend in VR dargestellt. Arme angelegt, Move Controller leicht nach hinten zeigen, Trigger ziehen und ab geht’s: Das Fliegen als Iron Man ist eine Wucht. Arme nach vorn und ich fliege rückwärts. Zeige ich mit den Controllern seitwärts, fliege ich nach rechts oder links. Das ist intuitiv und macht richtig Spaß.

Am 3. Juli erscheint Iron Man VR für Playstation VR. Nun ist der Launch Trailer erschienen.
Iron Man VR: Das freie Fliegen macht teils richtig Laune. | Bild: Sony

Die ausgefeilten Waffensysteme des Anzugs sind aber der eigentliche Star des Spiels: Arme ausgestreckt, Handflächen nach vorn und mit Daumendruck auf die mittlere Move-Controllertaste kann ich mit Repulsoren feuern. Handflächen nach unten und meine Lenkraketen lassen sich aufschalten. Verheerende Nahkampfangriffe crashen mich in eine gegnerische Drohne oder mit zerstörerischer Wucht auf ein Bodenziel. Das ist super und macht vor allem in den hektischen Massenschlachten richtig Laune.

Allerdings hört der Spaß schon wieder auf, wenn ich scharfe Kurven fliegen will: Mit Viereck- und Dreiecktaste kann ich die Sicht im 45-Grad-Winkel verändern und damit auch die Flugrichtung. Das stellt sich aufgrund der wenig ergonomischen Move-Controller als umständlicher heraus, als es sein sollte. Ok, vielleicht bin ich auch einfach nicht geschickt genug. Ich hatte jedenfalls bei der schnellen Navigation auf engem Raum Probleme, weshalb ich meistens auf Abstand ging und dann im Fernkampf für klare Verhältnisse sorgte oder mit Anlauf einzelne Gegner, etwa Schwebepanzer am Boden, anflog.

Motivierende Anzug-Upgrades

In Innenräumen teleportiere ich mich zwischen vorgegebenen Positionen, etwa in Starks berühmter Werkstatt im Untergeschoss seiner Villa. Dort kann ich auch den Anzug mit Forschungspunkten verbessern, die ich durch Abschluss von Missionen erhalte. Das bereits erwähnte Lenkraketen-System ist so ein Upgrade. Die Energiequelle in Starks Brust kann ich beispielsweise mit einem Notfallsystem ausstatten, damit der Anzug in kritischem Zustand nicht sofort den Geist aufgibt. Das Aufwertungssystem motiviert.

Die Erkundung in Innenräumen ist durch die vorgegebenen Teleportpunkte begrenzt. Ich kann hier und da Sachen aufheben, beispielsweise ein Bild von Pepper. Oder ich nehme eine Box mit Revolver von einer Wandhalterung und verstaue ihn in einem Koffer. Die Bedienung schwankt dabei zwischen ordentlich und Boxhandschuh: Wenn ich beispielsweise mit den Move-Controllern Starks AR-Brille erst aufklappen und dann aufsetzen soll, fühlt sich das irgendwie falsch an.

Move-Controller und Lichttracking: Eine Katastrophe

Überhaupt krankt Iron Man VR bei der Bedienung an den unfassbar schlechten Move-Controllern. Sie sind für vernünftige VR-Bedienung einfach nicht gemacht. Gerade in Kämpfen verkrampft die Hand schnell durch dauerhaftes Halten des Triggers zum Fliegen, Knöpfchen drücken, etwa um die Blickrichtung schnell zu ändern, sowie dem Feuerknopf, der mit dem Daumen betätigt wird und zwischen den anderen Buttons liegt. Wer Touch- oder Index-Controller kennt, wird das inbrünstig hassen.

Iron Man schießt auf Gegner in Iron Man VR
Mit intuitiven Handbewegungen aktivieren wir Waffen und schicken gegnerische Drohnen auf den Müll – wo übrigens auch die PS Move-Controller hingehören. | Bild: Sony

Besonders wichtig ist die Positionierung des Spielers: Ich empfehle aufgrund der Arm-Anlegen-Flugmechanik im Stehen zu spielen (es sei denn, ihr habt einen Drehstuhl ohne Armlehnen). Dabei müsst ihr in ausreichendem Abstand zur PlayStation-Kamera stehen, damit der Tracking-Kegel euch komplett abdeckt. Es kann ziemlich nerven, wenn das Tracking etwas zu hoch aufhört und sich Gegenstände deshalb nicht greifen lassen. Stellt die Kamera also sorgfältig ein und findet den perfekten Standort – das erspart euch viel Frust im Spiel.

Ladezeiten aus der Konsolenhölle

Grafisch reißt das Spiel keine Bäume aus, alles wirkt irgendwie steril. Shanghai bei Nacht grenzt an PS2-Qualität, trotz PS4 Pro. Immerhin: Die Darstellung von NPCs, etwa Pepper oder den KI-Hologrammen, ist sehr gut gelungen, die Animationen sehen super aus. Wer andere VR-Brillen (Vergleich) kennt, etwa Valve Index (Test) oder Oculus Quest (Test), dem wird vor allem das fette Moskitonetz im Bild auffallen: Der Fliegengittereffekt schlägt in vielen Szenen voll zu.

Das Schlimmste kommt zum Schluss: Die 90er wollen ihre Ladezeiten zurück! Ich habe schon sehr, sehr lange kein Spiel mehr gespielt, das minutenlange Ladezeiten hat, zumal auf der PS4 Pro! Gefühlt starre ich länger auf Ladekreisel oder einen völlig dunklen Bildschirm, als die einzelnen Missionen dauern. Das läuft etwa so ab:

  • Beenden einer Mission, der Ladebildschirm erscheint mit einer Prozentanzeige.
  • Die bewegt sich bis etwa 50 – 60 Prozent in Ein-Prozent-Schritten pro Sekunde, danach geht’s dann etwas schneller. Immerhin kann ich mir derweil ein paar Bilder anschauen und Infoboxen durchlesen.
  • Dann wird der Bildschirm komplett dunkel, abgesehen von hellen Partikeln, die durch das Bild wabern. Tony hält ungefähr eine halbe bis ganze Minute einen Monolog, in der Zeit bleibt das Bild dunkel und ich kann die Zellen des Fliegengitters zählen.
  • Im dritten Schritt baut sich langsam das Helm-HUD auf, erst schematisch, dann wird das endlich das Bild hinzugeschaltet.  

Dieser Vorgang dauert mehrere Minuten und muss manchmal sogar mehrmals pro Kapitel durchgestanden werden. Liebe Nicht-PS4-Pro-Besitzer: Ihr tut mir herzlich leid.

Test-Fazit zu Iron Man VR: Gut gedacht, aber nicht gut gemacht

Klar, ein VR-Spiel mit der grafischen, technischen und inhaltlichen Perfektion von Half-Life: Alyx (Test) habe ich hier nicht erwartet. Aber ich habe erwartet, dass mehr Kreativität oder zumindest Mühe in Story und Inszenierung geflossen wäre. Ich habe geistreichen Witz und freche Kommentare erwartet – keinen Schmalspur-Tony mit Aufschneider-KI-Sidekick.

Ich habe auch nicht erwartet, dass die Ladezeiten spätestens beim dritten Mal den starken Reflex auslösen, das Spiel zu beenden. The Last of Us 2, ein grafisches und inhaltliches Non-VR-Meisterwerk, hat nicht so lange Ladezeiten und Resident Evil 7 VR auch nicht. Wie kann sowas durch die Qualitätskontrolle bei Sony kommen? Oder ist Sony Virtual Reality auf ihrem System mittlerweile egal?

Ich bin persönlich etwas enttäuscht von Iron Man VR. Ich habe ein Actionspektakel erwartet und ich bekomme einen Ladesimulator mit Action-Höhepunkten. Dazu leidet das Spiel unter schrottreifen Move-Controllern, die jegliche Existenzberechtigung verloren haben – dafür können die Entwickler allerdings nichts. Wirklich: Es wird höchste Zeit für eine PlayStation VR 2.

Einmal Iron Man sein? Das könnt ihr, wenn ihr über die Probleme hinwegseht. Dann machen schnelle Flüge und chaotischen Gefechte einigen Spaß. Wer aber einen feinsinnigen und ausgefeilten VR-Hit erwartet, wird enttäuscht.

Ihr solltet Iron man VR spielen, wenn

  • ihr unbedingt mal Iron Man sein wollt,
  • schnelle Flüge und chaotische Kämpfe in der Luft genau euer Ding sind,
  • ihr mächtige Waffensysteme von Stark Industries mal selber bedienen wollt,
  • ihr einer virtuellen Version von Pepper gegenüberstehen möchtet.

Ihr solltet Iron man VR nicht spielen, wenn

  • ihr deutlichen Fliegengittereffekt nicht ertragen könnt,
  • schwache grafische Umgebungen euch die Tränen in die Augen treiben,
  • ihr mit den Move-Controllern nicht zurechtkommt und
  • euch Ladezeiten aus der Konsolenhölle tödlich nerven.

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