Kommentar

Half-Life: Alyx ist zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt erschienen – oder aber zum denkbar besten. Je nachdem, wie man das Spiel vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Krise erlebt: als beklemmende Dystopie oder willkommene Realitätsflucht.

In Half-Life: Alyx steht die Menschheit unter Quarantäne. Die Alienrasse der Combine hat die menschliche Spezies besiegt, unterworfen und in einer Reihe verbleibender Städte zusammengetrieben, um sie langsam und systematisch auszulöschen. Wer fliehen will, muss sich vor dem Zorn der Aggressoren fürchten oder droht, frei herumlaufenden Monstern zum Opfer zu fallen.

In den ersten Stunden spielt sich Alyx wie ein Survival-Horrorspiel vom Schlage eines Resident Evil und nicht wie ein Half-Life-Shooter: Mit behutsamen Schritten bewege ich mich von einem Raum zum nächsten, suche jede Ecke nach überlebenswichtigen Gegenständen ab und erlege mit zittrigen Händen Ungeheuer.

Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verwischen

Half-Life: Alyx wäre auch ohne VR-Brille ein beklemmendes Spiel. Virtual Reality verstärkt dieses Gefühl, da man hier wortwörtlich inmitten der grafisch und technisch überzeugendsten Spielwelt und Dystopie steht, die jemals geschaffen wurde. Klingen dann wie bei mir bewusst oder unbewusst die jüngsten Weltereignisse mit, ist die Grenze zwischen Angstlust und echtem Unwohlsein überschritten.

Ein US-Tester bezeichnete Half-Life: Alyx “ein gutes Spiel, das zur falschen Zeit erscheint” und schrieb, dass er angesichts der aktuellen Geschehnisse nicht viel Spaß hatte an dem, zugegeben, hervorragend umgesetzten Spiel.

Nach meinen ersten Schritten in City 17 wollte ich ihm, in einem Anfall persönlicher Beklemmung, zustimmen. In Anbetracht der so plötzlich und schnell um sich greifenden Krise wirkt die virtuelle Realität von Half-Life: Alyx gar nicht mehr so virtuell – weil die Wirklichkeit gerade unwirklich wirkt.

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Half-Life: Alyx zeichnet ein düsteres Bild der Welt. An jeder Ecke lauern Gefahren. BILD: Valve

Eine willkommene Auszeit

Am zweiten Tag fühle ich mich besser und erlebe Half-Life als das, was es ist: eine gut inszenierte Alltagsflucht. Adi Robertson von The Verge berichtete ähnlich mitten aus dem US-Epizentrum der Corona-Krise, New York City, von ihrer Alyx-Spielerfahrung.

Es sei fast schon wohltuend, in die Rolle einer Figur zu schlüpfen, die ausgeglichener und kompetenter erscheine als man selbst, schreibt Robertson. Außerdem sei es von Vorteil, dass man mit der VR-Brille im Gesicht das Smartphone nicht mehr benutzen könne. So sei man nicht in der Lage, Pandemie-Updates zu checken.

Half-Life und die Corona-Krise: Keine Parallen beabsichtigt

Ich für meinen Teil konnte nicht umhin, Parallelen zwischen Spiel und Wirklichkeit zu erkennen. So erklärt einem ein per Funk zugeschaltete Kollege anfangs die Etymologie des Wortes Quarantäne. Später muss man sich die Hand vor den Mund halten, um zu verhindern, dass man gefährliche Sporen einatmet. Die Combine-Soldaten indes wecken Erinnerungen an die in meiner Stadt patrouillierenden Polizeikräfte, die wegen der Ausgangssperre Leute auf der Straße anhalten und heimschicken.

Valve habe das Spiel nicht in Hinblick auf die Corona-Krise aktualisiert, versichert Valves Story-Schreiber Sean Vanaman gegenüber The Verge. “Half-Life: Alyx” ist schon einige Jahre in der Entwicklung, das Virus geht erst seit wenigen Monaten um. Vanaman räumt jedoch ein, dass gegenwärtige Ereignisse stets Einfluss haben auf die Gestaltung von Geschichten und Charakteren. “Alles ist ein Produkt seiner Zeit“, sagt Vanaman. In diesem Falle wäre Half-Life: Alyx fast schon prophetisch.

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Alyx versteckt sich vor Soldaten statt vor einem Virus – das klaustrophobische, bedrohliche Gefühl ist vergleichbar. Bild: Valve

Die Corona-Krise prägt meine Alyx-Erfahrung

Robertson empfindet den Kampf gegen die Alien-Aggressoren als “würdevoll”. Das Spiel sei eine “Ansammlung von Problemen”, die mit der aktuellen Wirklichkeit nicht viel zu tun haben und verströme Optimismus durch seine Hauptfigur, die sich selbstlos anschickt, die Welt zu retten. All dies mag zum eskapistischen und heilsamen Charakter des Spiels beitragen.

Meine Alyx-Spielerfahrung wird nichtsdestotrotz von den gegenwärtigen Ereignissen und der damit einhergehenden Gemütslage geprägt. Man kennt es, dass man ein Spiel spielt oder einen Film schaut und das aktuelle Wohlbefinden so stark auf die Erfahrung abfärbt, dass es sich nicht mehr von ihr ablösen lässt. So ergeht es mir derzeit mit Half-Life: Alyx, das für immer mit diesem Ereignis verbunden sein wird – ob ich will oder nicht.

Titelbild: Valve, Quellen: Gamesbeat, The Verge

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