Google Daydream 2017 im Test: Neue Linsen, alte Probleme

Google Daydream 2017 im Test: Neue Linsen, alte Probleme

Google bringt eine überarbeitete Daydream VR-Brille mit neuen Linsen und komfortablerem Design auf den Markt. Verhilft die Revision Googles VR-Initiative auf die Erfolgsspur?

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Im Herbst 2016 startete Google mit Daydream den Nachfolger zur weit verbreiteten, aber qualitativ bescheidenen Cardboard-Initiative. Im Test erklärte ich die erste View-Brille zur neuen Referenz für Virtual Reality mit dem Smartphone.

Dazu brauchte es damals allerdings nicht viel: Im Unterschied zu Samsungs Gear VR legt Google standardmäßig einen Bewegungscontroller bei, der den Nutzungskomfort deutlich verbessert, und hat eine famose Youtube-App im Portfolio.

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Samsung schob einige Wochen später einen beinahe identischen Controller nach (Testbericht), der aber nicht standardmäßig zum Lieferumfang gehört und somit nicht von allen Apps unterstützt wird. In Sachen Software-Auswahl hat Gear VR aufgrund der Partnerschaft mit Oculus dennoch die Nase vorne. Für Spieler interessant: Sowohl Gear VR als auch Daydream unterstützen herkömmliche Bluetooth-Gamepads für Android.

Preislich bewegen sich die beiden Systeme auf Augenhöhe und liegen mit Bewegungscontroller im Bundle bei etwas über 100 Euro. Samsungs VR-System gibt es mitunter deutlich günstiger, wenn man Brille und Controller einzeln zum jeweiligen Tiefstpreis kauft.

Neue Linsen für ein weiteres Sichtfeld

Die auffälligste und wichtigste Änderung an Googles 2017er Version der View-Brille sind die neuen und größeren Fresnel-Linsen. Sie erweitern das Sichtfeld gegenüber dem Vorgängermodell um rund zehn Grad und bieten außerdem eine bessere Schärfe und einen größeren Schärfebereich.

Das wertet das VR-Erlebnis deutlich auf, befreit jedoch nicht gänzlich vom Tunnelblick. Immerhin schließt Google so auf die Konkurrenz-Brille Gear VR auf, die bislang bei der Sichtfeldweite noch vorne lag. Beide Brillen erreichen fast das Niveau von Highend-Geräten wie Oculus Rift, HTC Vive oder Playstation VR.

Das etwas weitere Sichtfeld von Daydream View 2017 ist einerseits ein Schritt nach vorne, andererseits etwas ernüchternd, da laut Googles VR-Chef Clay Bavor beträchtlicher Aufwand in die Entwicklung der Linsen floss und die Verbesserung zwar deutlich sichtbar, aber insgesamt dennoch eher gering ist. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Spielraum für Innovation bei herkömmlichen Linsensystemen begrenzt ist.

Gut zu erkennen: Die neuen, größeren Linsen mit Fresnel-Schliff. Bild: VRODO

Gut zu erkennen: Die neuen, größeren Linsen mit Fresnel-Schliff. Bild: VRODO

Mehr Tragekomfort und ein Hitzeschutz

Neu ist ebenfalls ein zusätzliches Halteband, das längs über den Kopf verläuft und dafür sorgt, dass die Daydream-Brille etwas stabiler auf dem Schädel sitzt und ihr Gewicht besser verteilt. Letztgenanntes hängt maßgeblich vom eingelegten Smartphone ab, die Brille selbst wiegt fast nichts. Sie ist insgesamt recht bequem und lässt fast kein Licht durch, allerdings ist diese Einschätzung sehr subjektiv: VR-Brillen sind eben auch Kleidungsstücke und die sitzen bekanntlich nicht bei jedem Menschen gleich.

Die Justierung der Kopfbänder über Halteklammern - so wie bei Rucksäcken - ist umständlich. Das spielt keine Rolle, wenn man das Gerät nur für sich selbst nutzen möchte. Gibt man es jedoch bei einem Abend mit der Familie oder Freunden herum, hält das Gefummel an den Verschlüssen auf. Ein einfacher Klettverschluss oder eine andere, intuitivere Lösung, wäre angenehmer gewesen. Außerdem bietet die View-Brille noch immer keine manuelle Justierung der Sehschärfe und ist aufgrund des engen Gehäuses ungeeignet für Brillenträger.

Wirklich clever ist ein in der Frontklappe eingelassener Kühler, der die Abwärme des Smartphones besser aufnimmt als das reine Plastik und so dafür sorgt, dass zumindest das Pixel 2 XL bei meinen Tests nicht mehr überhitzte. Beim Vorgängermodell und bei Samsung Gear VR sind die regelmäßigen Zwangspausen aufgrund eines zu heißen Smartphones sehr störend.

Auf einer Pressekonferenz stellte Google ein leicht verbessertes Modell der mobilen VR-Brille Daydream View vor.

Google bietet die neuen Daydream-View-Brillen in drei Farbvariationen an. Bild: Google

Deutlich mehr Apps und die beste Youtube-VR-Erfahrung

Im Vergleich zum Vorjahr hat Google reichlich Inhalte in den Daydream Store geschaufelt: Derzeit sind circa 250 Anwendungen verfügbar, zum Marktstart waren es nur rund 30. Ein Sonderlob gebührt Google für die tolle Menü-Gestaltung in der VR-Umgebung inklusive 360-Grad-Voransicht für Apps und Videos.

Mehr als die Hälfte der Apps sind Spiele, bei denen aber die Zielgruppe nicht ganz klar ist: Leidenschaftliche VR-Enthusiasten und Virtual-Reality-Gamer werden sich an den meist einfach gehaltenen Spielen nicht lange ergötzen können. Gelegenheitsspieler wiederum zocken Candy Crush in Bus und Bahn, setzen sich dafür aber wohl kaum eine VR-Brille auf.

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Entsprechend sind die Download-Zahlen vieler Daydream-Apps eher gering (1000er-Bereich), es fehlt - neben der Verbreitung der Hardware - auch die Zielgruppe. Googles VR-Chef Clay Bavor gibt dennoch an, dass sich die Daydream-Produkte entlang Googles Erwartungen verkaufen. Er konkretisiert diese Erwartungshaltung jedoch nicht.

Glanzstück in Googles Daydream-Portfolio ist auch nach einem Jahr am Markt wie gehabt die Youtube-VR-App, die in dieser Form exklusiv nur für Daydream verfügbar ist. Mit keiner anderen VR-Anwendung kann man so schön in Youtubes mittlerweile sehr umfangreichem Katalog an 360-Videos stöbern - und das macht durchaus Spaß.

Dass Youtube im Mittelpunkt von Googles VR-Bemühungen steht, zeigt sich daran, dass viele 360-Grad-Videos prominent im Daydream Store als App-Kachel verlinkt sind. Klickt man drauf, startet das Video in der Youtube-App.

Die neue YouTube-App für Daydream ist wohl das Highlight im Launche-Lineup. Bild: Google Inc.

Mit der Youtube-App für Daydream View kann man gut in 360-Grad-Videos stöbern. Bild: Google

Fazit: Eine gute Youtube- und Video-Brille

Im Vergleich zum Vorjahresmodell fällt die Kaufempfehlung gleich aus: Wer gerne und viele 360-Grad-Videos speziell bei Youtube schaut, bekommt mit Daydream View eine hochwertige VR-Brille, die gut funktioniert. Das neue Modell ist dem Vorgänger insbesondere beim Sichtfeld überlegen, aber nicht deutlich genug für einen erneuten Kauf.

Dass Daydream View 2017 Googles VR-Initiative plötzlich zum Kassenschlager macht, ist eher nicht zu erwarten - dafür hat sich im Vergleich zum Vorjahr zu wenig getan. Außerdem unterstützen derzeit nur zwölf Smartphones Daydream (Moto Z, Moto Z2, Huawei Mate 9 Pro, ZTE Axon 7, Asus ZenFone AR, Samsung Galaxy Note 8, Galaxy S8, Galaxy S8 Plus, Google Pixel, Pixel XL, Pixel 2, Pixel 2 XL). Mit Samsung konnte Google immerhin einen besonders wichtigen Partner an Bord holen, der das Wachstum der Plattform beschleunigen dürfte. Im kommenden Jahr sollen weitere kompatible Smartphones und Brillen anderer Hersteller auf den Markt kommen.

Ansonsten gilt die generelle Einschätzung zu Smartphone-VR: Da sowohl die VR-Brille als auch der Controller nur seitliche Bewegungen und Rotation erkennen, aber keine Bewegungen in den Raum hinein, geht der Zauber hochwertiger VR-Erfahrungen fast komplett verloren. Smartphone-VR bleibt bestenfalls eine Brückentechnologie.

Interessant ist daher die Frage, wie sich die Mitte des Jahres angekündigte autarke VR-Brille von Lenovo ins Daydream-Ökosystem einfügen wird. Sie sollte eigentlich schon 2017 erscheinen, wurde aber auf 2018 verschoben mit derzeit unbekanntem Erscheinungsdatum.

Im Gegensatz zur Smartphone-Brille bietet die autarke Einheit vollwertiges Raumtracking und öffnet so die Tür zu deutlich hochwertigeren VR-Erlebnissen, vergleichbar mit jenen von Oculus Rift, HTC Vive oder Playstation VR. Einen ersten Eindruck dazu verschafft HTCs autarke VR-Brille Vive Focus, die ebenfalls für Daydream angekündigt war, aber kurzfristig abgesagt wurde. HTC versucht sein Glück vorerst nur in China und mit einer eigenen Plattform.

Ein US-Techblog konnte ein neues Muster der VR-Brille testen und berichtet von verbesserter Trackingqualität und höherem Tragekomfort.
HTC

Vive Focus: Neues Hands-on der autarken VR-Brille

| Bilder: VRODO / Google