Der interaktive 360-Grad-Film Afterlife zeigt mit Hilfe unterschiedlicher Perspektiven und Handlungsstränge, wie eine Familie mit einer Tragödie umgeht. Ich habe mir den Film angeschaut.

Nach dem Unfalltod des 5-jährigen Sohnes durchlaufen Mutter, Vater und Schwester eine schwere Zeit. Die Mutter, die am Tod des Kindes Mitschuld hat, ist besonders mitgenommen: Sie verweigert sich der Realität und tut noch immer so, als wäre ihr Sohn lebendig.

Der Vater hat gleich mehrere Kämpfe auszutragen: Er trauert, wird von der Polizei eines Verbrechens verdächtigt und muss den Umzug in ein neues Heim praktisch im Alleingang stemmen.

Die Tochter indes lebt in ihrer eigenen Welt und versucht sich auf eigene Weise, von der schwierigen Situation abzulenken.

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Der Film zeigt fast ausschließlich intime Familienszenen. BILD: Signal Space Lab

Die Tücken des interaktiven Films

Der Nutzer erlebt die Familiengeschichte aus der Sicht des verstorbenen Sohnes, der als geisterhafte Entität noch immer im Haus ist und dem Treiben seiner Familie zusieht.

Das Besondere an Afterlife: Der Film besteht aus drei Kapiteln mit knapp dreißig Entscheidungspunkten sowie drei parallel verlaufenden Geschichten und Enden, ist folglich wie Bandersnatch ein interaktiver Film , der sich in unterschiedliche Handlungsstränge verzweigt.

Im Gegensatz zur Netflix-Produktion trifft man hier handlungskritische Entscheidungen jedoch eher unbewusst, indem man Charaktere von Interesse mit dem Blick fokussiert: Beobachtet man dem Vater, folgt die Geschichte ihm, nimmt man eher Anteil an der Mutter, so sieht man anschließend, wie sie mit der Tragödie umgeht. Im Kontext eines 360-Grad-Films ergibt dies durchaus Sinn.

Die Übergänge zwischen den Handlungssträngen sollen nahtlos und organisch sein, was nicht ganz stimmt: Der Film blendet bei narrativen Gleiswechseln merklich aus und ein.

Im Großen und Ganzen ist die Gestaltungsfreiheit recht beschränkt, da Entscheidungen trivialisiert oder Handlungsstränge wieder zusammengeführt werden (siehe Bild unten). Das gilt allerdings auch für Bandersnatch und ist ein grundsätzliches Problem des Genres.

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Entscheidungsfreiheit ist eine Illusion. Das weiß auch der Film. BILD: Signal Space Lab

Ein seltsam distanzierter Blick

Technisch bewegt sich Afterlife auf mittlerem bis hohem Niveau, ohne die Qualität von Felix-&-Paul-Produktionen zu erreichen. Der Film ist in stereoskopischem 3D aufgenommen, was für einen plastischen Raumeindruck sorgt. Artefakte sind kaum auszumachen.

Erzählerisch versucht sich der Film an der kaleidoskopartigen Darstellung einer Familienkrise, die in zahlreichen Szenen und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Viele Szenen bleiben jedoch ohne emotionale Schlagkraft und Dramatik. Das mag an an den teils schwankenden schauspielerischen Leistungen liegen oder daran, dass dem 360-Grad-Film im Vergleich zum klassischen Film wichtige Inszenierungsmittel fehlen.

Es reicht nunmal nicht, eine 360-Grad-Kamera im Raum aufzustellen und Schauspieler zu filmen. Ob beabsichtigt oder nicht: Ich fühlte mich tatsächlich wie ein Geist, der vom Geschehen seltsam distanziert ist und nichts ins Geschehen eingreifen kann. Wenn Afterlife etwas zeigt, dann den Umstand, dass 360-Grad-Filme noch immer auf der Suche sind nach einer eigenen dramaturgischen Sprache.

Afterlife ist im Oculus Store für Oculus Rift, Oculus Go und Samsung Gear VR, bei Steam für Valve Index und HTC Vive, im Playstation Store für Playstation VR, bei Viveport für HTC Vive und Oculus Rift und für iOS erhältlich.

Die VR-Erfahrung kostet je nach Plattform zwischen 3,50 und 6,50 Euro. Wer sich einen guten 360-Grad-Film ansehen möchte, findet in den Links unten kostenlose Alternativen.

Titelbild: Signal Space Lab

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