VR-Ballett „kinesphere“: So habt ihr Roboter noch nie gesehen – Kritik

VR-Ballett „kinesphere“: So habt ihr Roboter noch nie gesehen – Kritik

Die VR-Pioniere vom Staatstheater Augsburg haben mit „kinesphere“ ein Ballett mit Industrie-Roboter aufgenommen. Gute Idee?

Ich bin absoluter Musical-Fan. Musicals verbinden Schauspiel, Tanz, Musik und Theater auf großartige Weise. Bei Oper oder Ballett bin ich da deutlich voreingenommener: Diverse Opern verstehe ich nur mit seitenlangen Guides und beim Ballett habe ich immer Angst, in eine überkandidelte „Performance“ zu geraten, deren tiefer neophilosophischer Sinn sich nur durch pflanzlichen oder chemischen Support erschließt.

Entsprechend vorsichtig war ich im Vorfeld beim neuen VR-Spektakel des Staatstheaters Augsburg. Theater ist das eine – und auch nicht immer für jeden –, aber Ballett mit einem programmierten Industrie-Montagearm? Das klingt verdächtig nach einer „Street-Performance“ für Tech-Hipster und Nerds auf Esoterik-Trip.

Oder?

VR-Ballett „kinsesphere“: Review in aller Kürze

Ob gewollt oder nicht: „kinesphere“ schafft eine clevere philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema „Mensch und Maschine“, ohne dass ich einen Guide lesen muss, um die Bilder zu verstehen. Die Choreografie der Tänzer in Verbindung mit dem Roboter ist gelungen. Der veränderte Kontext, in dem die Maschine auftritt und „agiert“, sorgt vor allem durch das Medium Virtual Reality für eine äußerst erstaunliche Erfahrung.

Ihr solltet euch „kinesphere“ ansehen, wenn …

  • ihr neuen Erfahrungen gegenüber aufgeschlossen seid,
  • Ballett und Tanz grundsätzlich mögt und
  • eine nahezu transzendierende Erfahrung mit Robotern machen wollt.

Ihr solltet euch „kinesphere“ eher nicht ansehen, wenn …

  • ihr mit Ballett gar nichts anfangen könnt und
  • ungern über mögliche tiefere Bedeutungen des Gezeigten grübelt.

kinesphere: Kein Tanz-Battle Royale mit Roboter

Als ich die VR-Brille, die über den VR-Versand des Staatstheaters Augsburg zu mir kam, aufsetze, bin ich vor allem auf den Roboter-Arm gespannt, der normalerweise in einer Montagehalle seinen monotonen Fließbandjob verrichtet.

In meiner möglicherweise von zu viel Sci-Fi-Filmen und -Serien geprägten Vorstellung wirbelt der tonnenschwere Greifer zu Industrial-Beats herum und die armen Balletttänzer:innen müssen vor allem ihre Ausweichtechnik unter Beweis stellen.

Doch „kinesphere“ ist kein getanztes Battle Royale. Stattdessen ist der Roboter-Arm aufwendig programmiert, um eine Geschichte der Begegnung zwischen Mensch und Maschine zu erzählen.

Das Ensemble vom Ballett Ausgburg wird vom Roboter im VR-Ballett kinesphere zu Boden gerungen

Mensch und Technik: Wer beherrscht eigentlich wen? | Bild: Jan-Pieter Fuhr, Staatstheater Ausgburg

„kinesphere“ soll, so die Beschreibung, diese Begegnung in einer postindustriellen Zeit abbilden: Es gibt keine Arbeit mehr für den Roboter, der einsam seine ewig gleichen Bewegungen ausführt, bis es erneut zum Kontakt mit Menschen kommt. Aus anfänglicher Konfrontation wird dann Miteinander.

Der Roboter: Freund oder Feind?

Doch das VR-Ballett entwickelt sich für mich anders, als die gedruckte Idee suggeriert. Zuerst ist da dieses überraschende Unbehagen, als ich dem Roboter-Arm erstmals gegenüberstehe. Die Struktur der Maschine mit dem beweglichen, runden „Kopf“ in Verbindung mit dessen ungewohnten, aus dem üblichen Kontext gerissenen Bewegungen zur Musik, erweckt den Eindruck eines Lebewesens. Wenn der Arm auf mich zukommt und sich der „Roboterkopf“ langsam neigt, als würde er mich prüfend anschauen – das hat Terminator-Vibes.

Überhaupt ist das eine der großen Leistungen dieses Projekts: Gerade in Virtual Reality verleiht der Kontext-Wechsel der Maschine, die wir nur aus der Werkshalle kennen, etwas Humanoides, Vertrautes – und damit auch Verstörendes. Die Maschine bekommt menschliche Züge, wirkt aber bedrohlich wie ein Alien oder eine nicht einschätzbare Künstliche Intelligenz. Es fehlen die ablesbaren Emotionen: Freund oder Feind?

Die immanente Kälte einer Künstlichen Intelligenz habe ich schon häufig in Filmen betrachtet. Doch in Virtual Reality betrifft sie mich plötzlich direkt und ich muss ernsthaft entscheiden, ob das für mich bedrohlich ist oder nicht.

Allein dafür lohnt es sich, das VR-Ballett anzusehen.

Gelungene Technologiekritik: Wer steuert hier eigentlich wen?

Die nächste große Leistung des Stücks ist die Bildphilosophie, die sich eröffnet, ohne dass ich mich mental verbiegen oder verbotene Substanzen schlucken muss. Beabsichtigt oder nicht: Für mich ist „kinesphere“ eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Wechselspiel zwischen Mensch und Technologie.

Gelungen stellt das VR-Ballett die „Robotisierung“ des Menschen durch Technologie dar, seine Technikhörigkeit und seine allzu bereitwillige Unterwerfung. Höhepunkt von „kinesphere“ ist die Fernsteuerung der Balletttänzer:innen durch den Roboter, der wiederum von einer Tänzerin mit VR-Brille gesteuert wird. Wer steuert hier eigentlich wen?

Ballettänzerin vom Ballett Ausgburg in Tanzpose mit dem Industrieroboter im VR-Ballett kinesphere

Eine Einheit: Menschen und Technologie gehören ursprünglich und ursächlich zusammen. | Bild: Jan-Pieter Fuhr, Staatstheater Ausgburg

Das ist ein wirkungsvoller Twist zurück zur Realität: Skynet und der Terminator sind Fiktion und werden es hoffentlich bleiben, obwohl es Bemühungen gibt, Super-KIs zu entwickeln. Allerdings werden wir heute schon stark von Menschen hinter großen technischen Konstrukten beeinflusst, etwa Google, Facebook und diverse mehr. Die künstlerische Darstellung dieser Mensch-Technik-Mensch-Abhängigkeitskette finde ich an diesem Ballett besonders gelungen.

Die Technologiekritik erscheint mir darüber hinaus reflektiert: Die Einheit von Mensch und Technik, eine gewisse Symbiose, bleibt als versöhnliche Quintessenz zurück. Der Mensch entscheidet zudem, wie lange diese Einheit anhält und verlässt aus eigenem Antrieb die Bühne, nimmt sich eine Auszeit. Ganz ohne Fernsteuerung.

Musik dient in „kinesphere“ vorrangig der passenden Untermalung, etwa so wie Filmmusik: Elektronische und Industrial-Klänge wechseln sich je nach Thema mit Piano-Passagen ab. Auch die Choreografie und die Darstellung der Tänzer:innen passen perfekt in meine Interpretation der Bilder.

„kinesphere“ in der VR-Kritik: Context is king

Es ist ein wenig widersprüchlich, wenn ich „kinesphere“ für klare Botschaften lobe, die keinen Guide benötigen, während sich meine Interpretation von der Ballett-Beschreibung unterscheidet. Allerdings muss sich eine künstlerische Arbeit immer auch von der Rezeption des Nutzenden definieren lassen.

Für mich hat „kinesphere“ erstaunlich gut funktioniert. Das Gefühl einer unmittelbaren Konfrontation mit einer anderen Lebensform ist durch Kontext-Wechsel und VR existenziell und deshalb auf gewisse Weise überwältigend. Der technikphilosophische rote Faden, den ich gesehen habe, hat das Stück für mich so interessant gemacht, dass ich es die kompletten 30 Minuten durchgeschaut habe.

Wenn ihr also eine spannende und philosophische Ballettinszenierung für Virtual Reality sucht, kann ich „kinesphere“ empfehlen.

So könnt ihr euch „kinesphere“ nach Hause schicken lassen:

VR-Erfahrung Store & VR-Brille Preis
kinesphere firstrow (Pico Neo 2) 19,90 €

Mehr VR-Angebote des Staatstheaters Augsburg findet ihr hier: vr-theater@home