VR als Narkosemittel: Krankenhäuser führen erste VR-OPs durch

VR als Narkosemittel: Krankenhäuser führen erste VR-OPs durch

Virtual Reality wird bei Operationen eingesetzt, um Schmerzen und Nachwirkungen zu reduzieren. Was macht VR besser als herkömmliche Narkosen?

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In Großbritannien erlebt Virtual Reality gerade einen Boom. Statt in heimischen Wohnzimmern finden VR-Brillen dort allerdings vermehrt Einzug in Krankenhäuser, Hospize und Pflegeheime. Die immersive Technologie hilft Menschen, schmerzhafte Operationen durchzustehen und scheint herkömmlichen Narkosemitteln langsam den Rang abzulaufen.

74-Jähriger unterzieht sich Knie-OP in der Virtual Reality

Der 74-jährige Ian McDonough verzichtete während seiner Knie-OP auf eine herkömmliche Vollnarkose. Stattdessen verabreichten die Ärzte eine Nervenblockade und setzten ihm eine VR-Brille auf. McDonough erlebte während der Operation eine Live-Performance des bekannten Queen-Songs „Bohemian Rhapsody“ in der Virtual Reality.

In Großbritannien wird Virtual Reality vermehrt als Alternative zu herkömmlichen Narkosemitteln eingesetzt.

In Großbritannien wird Virtual Reality vermehrt als Alternative zu herkömmlichen Narkosemitteln eingesetzt. | Bild: Vidal Balielo Jr.

Fünf Jahre zuvor wurde McDonoughs anderes Knie unter Vollnarkose operiert. Die OP in der Virtual Reality sei viel angenehmer und man erhole sich viel schneller davon. Dieses Erlebnis habe ihn von allem abgelenkt. Er habe lediglich ein Ziehen gespürt. „Ich würde es auf jeden Fall als Alternative zu einer Vollnarkose empfehlen“, so McDonough.

Vollnarkosen können zu starken Nebenwirkungen wie Erbrechen, Schüttelfrost oder Desorientierung führen. Zudem besteht die Gefahr einer postoperativen kognitiven Dysfunktion (Erklärung). Dabei können Gedächtnisstörungen oder die eingeschränkte Fähigkeit, intellektuelle Aufgaben zu bewältigen, auftreten.

VR-Narkose hilft über 2.000 Patienten pro Jahr

Im Northumbria Healthcare NHS Foundation Trust werden für Operationen unterschiedliche VR-Erlebnisse angeboten. Neben VR-Konzerten oder VR-Filmen setzen die Verantwortlichen hauptsächlich auf virtuelle Wanderungen durch die Natur oder das Beobachten von Wildtieren. Ähnlich wie bei der VR-Therapie von chronischen Schmerzen liegt der Fokus dabei auf Atmungs- und Achtsamkeitsübungen während des VR-Erlebnisses.

„Wir begannen mit dem Einsatz von VR-Headsets bei elektiven orthopädischen Eingriffen, wie Kniegelenkersatz, stellten aber schnell fest, dass die Resonanz so positiv war, dass wir das Angebot nun ausgeweitet haben“, so Dan Lawrence von der Anästhesie-Abteilung des Northumbria Health Trust. Neben der Angst vor der OP sank auch das Risiko möglicher Nebenwirkungen von Vollnarkosen.

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Ein weiterer positiver Nebeneffekt von der VR-Anästhesie ist ein wirtschaftlicher. Laut Lawrence entfalle in manchen Fällen die Notwendigkeit einer Übernachtung nach der Vollnarkose, was weniger Krankenhauskosten zur Folge habe. Mittlerweile verfügt das Krankenhaus über acht VR-Brillen: „Wir setzen sie bei der Regional- und Lokalanästhesie ein und helfen damit bis zu 2.000 Patienten pro Jahr“, sagt Lawrence.

Virtual Reality hilft Kindern vor schweren Eingriffen

Das Kinderkrankenhaus in Birmingham setzt VR indes ein, um Kindern die Angst vor Operationen zu nehmen. Sie soll außerdem helfen, bei schwierigen Eingriffen wie Lumbalpunktionen Ruhe zu bewahren. Dabei wird eine Nadel zwischen den Knochen der unteren Wirbelsäule eingeführt.

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Laut Dr. Ben O’Sullivan, Facharzt für Kinderanästhesie im Krankenhaus, seien die Achterbahnspiele bei den Kindern besonders beliebt: „Ein Krankenhausaufenthalt ist für Kinder eine beängstigende Zeit, daher ist es wichtig, ein gewisses Maß an Komfort zu gewährleisten“, so O’Sullivan.

VR in der Schmerztherapie: Nur eine einzige Nebenwirkung

Neben den positiven Erfahrungen der Krankenhäuser gibt es mehrere Studien, die sich mit der Wirksamkeit von VR während Therapien, Operationen oder anderen Eingriffen befassen.

2020 überprüfte die Health Technology Wales diese verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse aus klinischen Studien. Das Ergebnis: Virtual Reality lindert Schmerzen während und unmittelbar nach Eingriffen wirksamer als herkömmliche Behandlungsmethoden wie Schmerzmittel. Mit Motion Sickness gebe es nur eine einzige und sehr seltene Nebenwirkung.

Warum ist Virtual Reality für die Narkose wirksam?

Gastroenterologe und Autor Brennan Spiegel erklärt die schmerzhemmende Wirkung von VR in seinem Buch VRx: How Virtual Therapeutics Will Revolutionize Medicine (Amazon-Link) folgendermaßen: „Sein [VR – Anm. d. Red.] ganzes revolutionäres Potenzial ergibt sich aus seiner Fähigkeit, das Gehirn und den Körper eines Menschen zu zwingen, auf eine andere Realität zu reagieren.“

Menschen würden etwa fünfzig Prozent ihres Gehirns für visuelle Prozesse nutzen. Bombardiere man die Augen mit spektakulären und dynamischen Visionen, käme es zu drei Milliarden neuronalen Zündungen pro Sekunde. Diese prallten durch das halbe Gehirn, um die überwältigende Menge an visuellen Daten zu verarbeiten. Der Schmerz verschwinde, als wäre ein Halluzinogen verabreicht worden.

Dr. Jordan Tsigarides von der Rheumatologie der Universität von East Anglia, sieht das ähnlich. VR sei immersiv und überflute das Gehirn mit audiovisuellen Signalen. Laut Tsigarides werden Sinne angeregt und die Aufmerksamkeit des Gehirns von der Verarbeitung der Schmerzsignale abgelenkt. VR könne so auch den Gedankenkreislauf von Menschen mit chronischen Schmerzen durchbrechen.

Quellen: Mail Online, Health Technology Wales, New York Times