Virtual-Reality-Weihnachtskrippe: Auge in Auge mit Ochs und Esel

Virtual-Reality-Weihnachtskrippe: Auge in Auge mit Ochs und Esel

Im Egerland-Museum im bayerischen Marktredwitz könnt ihr eine Weihnachtskrippe nicht nur von außen betrachten, sondern selbst auf die Größe der Figuren schrumpfen, rund um den Stall herumwandern und das Jesuskind und Maria und Josef persönlich besuchen.

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Die Tradition der Weihnachtskrippen ist im bayerischen Marktredwitz uralt. Schon seit dem 19. Jahrhundert waren Krippen mit dem Jesuskind und den Figuren drumherum fester Bestandteil der Weihnachtszeit. Neben Ochs und Esel, Maria und Josef und den Hirten gehören bei den Krippen aus dem Fichtelgebirge weitere Szenen zu einer ordentlichen Krippe: Situationen aus dem Alltag, Bauern mit ihren Kutschen, eine Berghütte mit Blaskapelle, vor der Menschen Schuhplattler tanzen, Tiere, ein Jäger, der einen Fuchs erlegt und so weiter.

All das können Besucher:innen des Egerland-Museums in Marktredwitz nun auch virtuell erleben. Stefan Frank hatte die Idee, dann sammelte das Museum 80.000 Euro Fördergelder, und seit Kurzem ist das Projekt fertig: Eine HP Reverb G2 VR-Brille verfrachtet die Besucher des Museums von jetzt auf gleich in eine Krippe, die man sonst nur von außen betrachten konnte.

Weihnachtskrippe trifft auf VR-Einrichtungssimulator

Alle Figuren der VR-Krippe kann man hochheben und umstellen – auch das Jesuskind. Man geht um das Krippen-Geschehen herum, betritt den Stall und stellt Ochs und Esel, ja sogar ein Pferdegespann, dahin, wo es einem passt. In der Luft schwebt ein Engel, der über allem wacht.

„Jeder, der zum ersten Mal die VR-Krippe betritt, ist zunächst stumm vor Staunen, dann entfährt vielen ein ‚Wow!’“, sagt Frank. Auch ältere Menschen kämen mit der Technik schnell klar. „Eine Figur, die in der Realität vielleicht nur zwölf Zentimeter groß ist, steht plötzlich in Lebensgröße vor einem. Das ist für viele schon beeindruckend.“

Er hatte vor fünf Jahren die Idee zur VR-Krippe und konnte den Leiter des Egerland-Museums, Volker Dittmar, schnell überzeugen. Die historischen Krippenfiguren aus der Museumssammlung wurden abfotografiert und in der Photogrammetrie-Software „RealityCapture“ zu 3D-Modellen vernäht. Mindestens 400 Fotos hat Frank von jeder Figur angefertigt, bei komplizierteren Figuren waren es auch mal 1.800 Fotos.

Die realen Krippefiguren wurden per Photogrammetrie digitalisiert: Mit einer Vielzahl von Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven werden die einzelnen Figuren in einer Spezialsoftware dreidimensional rekonstruiert.

Die realen Krippefiguren wurden per Photogrammetrie digitalisiert: Anhand einer Vielzahl von Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven werden die einzelnen Figuren in einer Spezialsoftware dreidimensional rekonstruiert. Dadurch wirken sie auch in VR besonders realistisch. | Bild: Jörn Schumacher

Die Detailtreue war dem Museum wichtig: Immerhin handelt es sich bei der Marktredwitzer Krippenkultur um eine 130 Jahre alte Tradition, die dieses Jahr in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. „Wir schreiben die Tradition mit der Technik des 21. Jahrhunderts fort“, freut sich der Museumsdirektor. Seines Wissens nach hat er die einzige VR-Krippe weltweit.

Möglich wurde das Projekt durch Fördermittel des EU-Maßnahmenprogramms LEADER, der Sparkasse Hochfranken und der Oberfrankenstiftung. Die Anlage ist mobil, alles passt in drei Flightcases und ist in 15 Minuten aufgebaut. Geplant sind Besuche in Schulen, Kirchen oder auf Veranstaltungen. Im Moment ist die Krippen-Experience nur vor Ort im Museum erlebbar. Ein Zugang für jedermann über das Internet oder als App ist vorerst nicht geplant.

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VR-Krippe: Alltägliches neu entdecken

Dittmar, Experte für Weihnachtskrippen, ist ein Vorteil der Technik schnell klar geworden: „Ich sehe auf einmal Details der historischen Figuren direkt vor dem Auge, etwa Risse und Kratzer, die ich bei einer echten Krippe auf die Entfernung gar nicht sehen kann.“ Ein weiterer positiver Nebeneffekt für das Museum: Die Krippenfiguren haben durch den Scan einen digitalen Zwilling mit den exakten Größenangaben in der Datenbank. Aus diesen Daten kann jederzeit eine Figur rekonstruiert werden.

Die digitale Landschaft modellierte Frank mit der Unreal Engine. Der Rechner, der im Museum steht und den Besucher:innen den virtuellen Krippenbesuch ermöglicht, ist ein leistungsfähiger Rechner „mit der besten NVIDIA Grafikkarte, die wir bekommen konnten“, sagt Dittmar. „Dadurch können wir am Rechner Änderungen in der Umgebung vornehmen und nach zwei Minuten rendern neu betreten.“

Museumsleiter Dittmar ist begeistert: „Der Clou ist, dass der Besucher die Krippenlandschaft selbst komplett neu erstellen kann. Ob Berge oder Täler, Häuser, Kapellen oder Figuren, alles kann er unter Anleitung mit wenigen Klicks erzeugen. Schülergruppen zum Beispiel zeigen wir, wie sie ihre eigene Krippe digital bauen können. Und anschließend können sie darin in VR herumspazieren.“

Autor: Jörn Schumacher

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