High in VR: Wie VR-Brillen die Psyche positiv beeinflussen sollen

High in VR: Wie VR-Brillen die Psyche positiv beeinflussen sollen

Virtuelle Realität in Kombination mit psychedelischen Substanzen soll bei psychischen Erkrankungen helfen. Die weltweit erste klinische Studie zur Psychedelika-Therapie mit VR findet in Deutschland statt.

Im Jahr 2022 reisen australische Forschende zu einem sogenannten Psychedelic Retreat in die Niederlande, um Teilnehmer:innen für eine VR-Studie zu gewinnen. In diesen Retreats nehmen Interessierte an Zeremonien teil, bei denen sie unter kontrollierten Bedingungen legal halluzinogene Substanzen einnehmen.

Viele Gäste lassen sich auf das Experiment der Wissenschaftler:innen ein: Sie konsumieren das in Magic Mushrooms enthaltene Psilocybin und setzen, als die berauschende Wirkung nachlässt, VR-Brillen auf. Damit tauchen sie in eine beruhigende virtuelle Umgebung mit leuchtenden Sternen und riesigen Glühwürmchen ein.

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In dieser VR-Welt können sie sich einen Stern schnappen und ihn als Audioaufnahmegerät benutzen. Sie sollen darüber sprechen, was in ihnen in den letzten Stunden auf dem Höhepunkt ihres Rauschs passiert ist. Die Audioaufnahmen bilden dann eine funkelnde Sternenkonstellation in der VR-Umgebung.

Am nächsten Tag kehren die Proband:innen in diese VR-Welt zurück und hören sich ihre Aufnahmen an. Ziel ist es, sich an die Erlebnisse zu erinnern. Innerhalb der virtuellen Welt können die Teilnehmenden dann bestimmte Sterne und die damit verbundenen Gedanken und Emotionen erweitern und ergänzen, während sie andere symbolisch in einem virtuellen Feuer verbrennen. Was bringt das?

LSD + Virtual Reality = ?

In den letzten Jahren haben sich sowohl die VR-Technologien als auch die Forschung zum Einsatz von Psychedelika in der Psychotherapie weiterentwickelt. Beide Bereiche sollen nun stärker miteinander verknüpft werden. LSD und Magische Pilze werden etwa seit einigen Jahren in der Psychotherapie verwendet, um Suchtkrankheiten oder Depressionen zu behandeln.

In Australien entwickelt eine kleine Gruppe von Forschenden die weltweit ersten VR-unterstützten Behandlungen auf diesem Gebiet. Traditionelle psychedelische Therapiesitzungen konzentrieren sich auf die Einsichten und Emotionen, die während der Einnahme der Droge auftreten. Im nächsten Schritt werden die zugrunde liegenden Themen und Probleme identifiziert und analysiert.

Das kann schwierig sein, sagt Agnieszka Sekula, Doktorandin an der australischen Swinburne University. Denn die Patienten können sich selten vollständig an die Gedanken und Gefühle erinnern, die sie während des Rausches hatten. Ist virtuelle Realität die Lösung für dieses Problem? Kann eine VR-Brille helfen, die flüchtigen Erinnerungen, die während des Rauschs entstehen, festzuhalten?

2020 gründet Sekula zusammen mit dem Arzt Prash Puspanathan das Start-up Enosis Therapeutics. Das Unternehmen erforscht VR als Werkzeug in der psychedelischen Therapie. In einem Informations-Video auf der Website des Unternehmens sieht man VR-Umgebungen wie einen Strand bei Sonnenuntergang oder fantastische Wüsten.

Während die Patient:innen eine „Mind Map“ ihrer psychedelischen Erfahrung zeichnen, können Therapeuten die Welt auf dem Bildschirm beobachten, ohne sie zu betreten. Laut Sekula erweisen sich Sprachaufzeichnungen als wirkungsvolle „Erinnerungswerkzeuge“: „Sie werden daran erinnert, wie die Erfahrung war, wenn sie hören, wie diese Erfahrung mit ihrer eigenen Stimme erzählt wird, mit all dem Ausdruck und der emotionalen Last, die mit ihrer Stimme verbunden ist.“

Warum VR statt Audioaufnahme?

Einige Therapeut:innen seien skeptisch gegenüber VR, sagt Professor Luke Downey, der an der niederländischen Pilotstudie beteiligt war. „Sie vermuteten, dass dies die echten mystischen Erfahrungen stören könnte“, sagte er. „Ungefähr 90 Prozent [der Teilnehmenden] sagten, dass sie es für passend empfanden, es ihnen Spaß machte und sie es als Teil der psychedelischen Erfahrung wieder tun würden.“

Sekula berichtet, dass die Personen, die VR verwendet hatten, sich besser an ihre psychedelischen Erfahrungen erinnern konnten. Im australischen Rundfunk teilt sie Zitate von anonymen Teilnehmer:innen der Studie:

„Es gab mehr Erinnerungen, als ich dachte. Ich dachte, ich brauche den Stern nicht, um sie aufzuzeichnen, aber dann habe ich tatsächlich mehr gesagt, als ich in Erinnerung hatte.“

„VR hat mir geholfen, über das Erlebnis nachzudenken, es hat das Staunen bewahrt; man ist nicht mehr auf dem Trip, aber man wird durch diese magische Vision daran erinnert.“

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„Die mit Erinnerungen angereicherten Sterne waren hilfreich, um den Geist zu strukturieren.“

Virtual Reality half einigen Teilnehmenden offenbar, die Erinnerungen an die psychedelische und emotionale Erfahrung wieder aufleben zu lassen. Durch die visuellen Elemente und die Abschottung von der realen Welt funktioniert das möglicherweise besser als eine reine Audioaufnahme.

Weltpremiere in Deutschland

Ende letzten Jahres gab Enosis eine Partnerschaft mit den Berliner Ovid-Kliniken bekannt, die Ketamin zur Behandlung von Depressionen, Angstzuständen, Traumata und Zwangsstörungen einsetzen. Gemeinsam führen sie die weltweit erste klinische Studie zur psychedelischen Therapie mit VR durch.

„Zurzeit wird es den Patienten angeboten, die ihre Ketaminbehandlung beginnen“, sagt Sekula und fügt hinzu, dass einige psychiatrische Kliniken in Melbourne ebenfalls eine Partnerschaft mit ihrem Start-up anstreben. „Die Kliniken lernen noch und wir stehen mit ihnen noch ganz am Anfang.“

Kritik an VR-Therapien

Einige langjährige Befürworter:innen der psychedelischen Therapie stehen dem neuen Interesse an Virtual Reality misstrauisch gegenüber. Rick Doblin, der 1986 die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) in Kalifornien gründete, kritisiert die Verwendung sogenannter „geführter Bilder“.

„Du nutzt ein VR-Programm, das dich an deine eigenen inneren Bilder erinnern soll, aber es wird deshalb nicht so präzise sein, wie deine eigene Vorstellungskraft“, gibt er zu bedenken.

Mit anderen Worten: VR löst hier ein Problem, das gar nicht existiert. Außerdem hätten zahlreiche klinische Studien gezeigt, dass psychedelische Behandlungen auch ohne die Unterstützung von VR gut funktionierten. Doblin verweist auf Studien, die eine Verbesserung des therapeutischen Prozesses bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung durch den Ecstasy-Wirkstoff MDMA nachgewiesen hätten: „Die Frage ist also, was versuchen wir damit zu erreichen?“

Kritik und Skepsis scheinen VR-Therapien nicht zu stoppen. Im Gegenteil: Kann man mittels VR vielleicht auch ganz ohne Drogen auskommen? In einer Studie, die im August 2022 in der Fachzeitschrift Nature Scientific Reports veröffentlicht wurde, beschreibt ein britisch-spanisches Forscherteam Versuche, in der virtuellen Realität das zu erzeugen, was Psychedelika zuverlässig hervorrufen: eine „selbsttranszendente Erfahrung“.

Digitale Therapeutika als Geschäftsfeld

Die Pharma- und Finanzwelt zeigt jedenfalls einiges Interesse an VR-Therapien. Investoren wollen am aufstrebenden Markt für psychedelische Behandlungen mitverdienen, sagt Professor Luke Downey. „Cannabispflanzen oder LSD kann man nicht patentieren. Man muss etwas anderes haben. Was wird patentierbar sein und was wird wirksam sein?"

Forschende der Monash Universität in Melbourne haben etwa eine Behandlung für Angstzustände entwickelt, die VR und Psychedelika kombiniert.

VR-Meditationsanwendungen, die Methoden wie die beschriebenen verwenden, sind bereits verfügbar. Der CEO des Herstellers einer dieser Apps, Tripp, spricht bereits von „digitalen Therapeutika“ und sieht im Metaverse eine Wachstumschance. In einer Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr sammelte Tripp Millionen von Unternehmen wie Amazon und dem Pokémon-Go-Entwickler Niantic ein.

Ob das Ganze allerdings mehr ist, als eine fragwürdige Art, mit VR und der Psyche von Patient:innen Geschäfte zu machen, müssen renommierte Forschende und ihre Studien erst noch beweisen.

Quellen: Australian Broadcasting Corporation, Der Standard, Spektrum, Enosis