Oculus Rift S ist offiziell. Wir diskutieren Facebooks VR-Marktstrategie. Was ist der große Plan?

Auf der Game Developers Conference 2019 kündigt Oculus die neue VR-Brille “Rift S” an. Sie kostet wie das alte Modell rund 400 US-Dollar und soll mit mehr Nutzungs- und Tragekomfort neue Käuferschichten erschließen. Auch die Auflösung ist etwas höher. Alle Informationen zu Rift S stehen hier.

Nach der Ankündigung stellt sich die Frage: Was ist Facebooks großer VR-Plan? Wir haben das mal für euch durchgesprochen.

Matthias: So, Leute. Jetzt wissen wir, wofür das “S” im Namen der neuen Rift-Brille steht: “Steampunk”. Das Design ist wirklich abgefahren mit den ganzen Kameras … immerhin muss man jetzt keine externen Sensoren mehr aufstellen. Ist das für euch ein großer Fortschritt?

Tomislav: Das Trackingsystem war für mich der größte Kritikpunkt an der Original-Rift, von daher begrüße ich die integrierten Kameras. Keine Probleme mehr mit nicht erkannten Sensoren oder fehlenden USB-Anschlüssen. Ich denke, das sehen viele Rift-Nutzer so, insbesondere aber Laien, die mit Rift S zum ersten Mal in die Virtual Reality einsteigen. Die Frage ist natürlich, wie solide das Tracking funktioniert.

Max: Das sehe ich auch so. Weniger Einrichtungsaufwand, mehr Nutzungskomfort. Das war ja auch schon einer der (wenigen) Pluspunkte der Windows-VR-Brillen. Dieser Vorteil wird jetzt kombiniert mit starker Oculus-Software.

Tomislav: Was haltet ihr von den technischen Eigenschaften? Nicht so hochklassig, wie manche es vielleicht erhofft hatten, oder? Vor allem das Display …

Matthias: Auflösung unterhalb der Windows-VR-Brillen, die zum Teil für sehr wenig Geld verkauft wurden. LCD statt OLED. 80 Hz statt 90 Hz. Kein einstellbarer Augenabstand. Beim Sichtfeld hat sich offenbar auch nichts getan. Das ist sicher nicht das Upgrade, auf das Enthusiasten warten. Aber wahrscheinlich geht es Oculus gar nicht mehr um die.

Tomislav: Die Frage ist, ob die eigentlich geringen Unterschiede bei Auflösung und Co. für Normalverbraucher eine Rolle spielen. Recherchieren sie oder greifen sie einfach ins Regal, weil sie die Marke Oculus kennen?

Max: Für mich geht Facebook den eingeschlagenen Weg konsequent weiter und entfernt sich – vielleicht nur vorerst – vom Enthusiasten-Markt.

Matthias: Klar. Die Frage ist: Existiert ein VR-Markt außerhalb der Enthusiasten-Zielgruppe? Anders gefragt: Weshalb sollte jemand, der trotz des Mörder-Hypes 2016 und dem Preissturz in den Folgejahren drei Jahre lang auf Oculus Rift verzichtet hat, plötzlich Oculus Rift S für denselben Preis kaufen wollen? Nur weil das Trackingsystem integriert ist? Das überzeugt mich nicht.

Tomislav: Oculus Rift ist nicht nur Hardware, sondern ebenso die Plattform und ein App-Ökosystem. Beides ist in den letzten drei Jahren herangereift: Man denke an Oculus Home und Rift-exklusive Titel, von denen dieses Jahr mehrere erscheinen werden (u.a. Stormland, Asgard’s Wrath, Defector).

Matthias: Schon klar. Aber Oculus Rift S ist das neue Zugpferd, das Interessierte überzeugen soll, die sich bisher nicht haben überzeugen lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob Rift S genug draufpackt im Vergleich zum Originalmodell.

Tomislav: Das Inside-Out-Tracking ist ein wichtiger Schritt.

Matthias: Nutzungskomfort ist wichtig, keine Frage. Aber der größte Komfortkiller bei VR ist und bleibt die VR-Brille an sich. Ob die Trackingkameras in der Brille sind oder davor, ist für mich eher ein Detail – ein wichtiges, aber kein entscheidendes. Am Preis hat sich auch nichts getan.

Tomislav: Für die Software setzt man sich die VR-Brille auf. Und diese ist sehr viel ausgereifter als noch 2016. Wie gesagt, das Gesamtpaket aus guter Hard- und Software ist 2019 ein anderes, überzeugenderes.

Max: Wie Tomislav sagt: Hardware und Plattform sind eng verknüpft. Oculus Rift S soll sich wohl unauffällig zwischen Quest und Go einreihen. Wer mehr will als Mobile-VR mit Quest, kann sich eine gute PC-Brille kaufen, die eben nicht gleich 600 bis 800 Euro kostet. Preis-Leistung ist ein wichtiger Punkt. Als Zielgruppe strebt Facebook wohl all diejenigen an, die bisher kaum in Kontakt mit VR waren. Für Einsteiger ohne PC gibt es Oculus Quest und für interessierte PC-Spieler Rift S. Nicht explizit angesprochen werden die alten VR-Hasen.

Tomislav: Matthias, noch mal zu deiner Frage: Ich bezweifle, dass sich Zögerer von einer Highend-VR-Brille überzeugen ließen. Dann würden auch die Hardware-Anforderungen steigen, was wiederum die Zielgruppe einschränkt. Ich denke der große Sprung kommt erst 2021 oder 2022.

Matthias: Klar bekommt man mit einer Highend-Brille nur die Freaks. Aber die hat man dann wenigstens sicher. Und soll der mögliche Einsteigerkunde nicht eigentlich Oculus Quest kaufen? Die kostet immerhin auch 400 US-Dollar. Ich denke, Facebook läuft Gefahr, sich zwischen alle Stühle zu setzen.

Tomislav: Der Widerspruch ist da, ja. Rift S richtet sich eher an Enthusiasten und hat dennoch ein recht niedrig aufgelöstes Display und keine großen Highend-Innovationen.

Matthias: Ich glaube, Facebook setzt alles auf Nutzungskomfort als Verkaufsargument. Warten wir ab, ob diese Rechnung aufgeht. Was schätzt ihr, wie viele der neuen Oculus-Brillen gehen 2019 über den Tresen?

Max: Die Rift S wird sich wesentlich schlechter verkaufen als Oculus Quest. Ich schätze, 2019 werden es vielleicht 200.000 Einheiten. Oculus Quest hat mehr Potenzial: Da glaube ich an Verkäufe jenseits der halben Million.

Tomislav: Ich gehe für Rift S von weniger als einer halben Million Einheiten aus. Wie du bereits sagtest, die VR-Skeptiker wird Rift S nicht überzeugen, nun doch zuzuschlagen. Das wird – wenn überhaupt – erst mit Rift 2 passieren. Bei Oculus Quest gehe ich von mehr als einer Million verkaufter VR-Brillen aus.

Matthias: Ich halte die Verkaufserwartungen aus der Branche speziell an Quest für überzogen. Als hätte niemand aus 2016 gelernt. Wenn Quest und Rift S in diesem Jahr zusammen eine Million Mal verkauft werden, ist das ein großer Erfolg für Facebook. Ob Zuckerberg das ähnlich beurteilt, ist eine andere Frage. Für deutlich mehr Verkäufe braucht VR eine Revolution beim Formfaktor und der VR-Fortbewegung. Alles andere sind Babysteps.

Tomislav: Das ist Zukunftsmusik. Hier und jetzt beschäftigt mich, welche Strategie Facebook mit Rift S verfolgt. Mir fehlt noch eine klare Botschaft und Zielgruppe.

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