KOMMENTAR

Warum Menschen Angst vor VR haben – eine Theorie

Warum Menschen Angst vor VR haben – eine Theorie

Meistens werden Technik und fehlende Inhalte für das langsame Wachstum von VR verantwortlich gemacht. Aber was, wenn es einen weiteren Grund gibt?

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Wir kennen die Gründe, warum die Welt noch nicht Ready-Player-One-Style lebt, auswendig: Wahlweise zu komplexe Technik (PC-VR) oder zu schlechte Grafik (autarke VR), unbequemer Gesichtscomputer, Killer-Apps und gute Inhalte fehlen. Einiges ist berechtigt, bei Teilaspekten kann man diskutieren.

Mir ist allerdings am Wochenende noch ein anderer Gedanke gekommen. In seinem Buch „Konzentriert Arbeiten – Regeln für eine Welt voller Ablenkungen“ schreibt Cal Newport:

„Was das konzentrierte Arbeiten noch erschwert: es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Wechsel zum oberflächlichen keine Wahl ist, die mühelos rückgängig gemacht werden kann. Wenn sie genügend Zeit mit fieberhafter Oberflächlichkeit verbringen, verringern sie dauerhaft ihre Fähigkeit, konzentriert zu arbeiten.“

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Ich möchte diese Aussage aus eigener Erfahrung etwas erweitern. Das Informations-Dauerfeuer durch Nachrichten- und Social-Media-Feeds, Benachrichtigungen, Chats, E-Mails und vieles mehr sorgt für eine deutliche Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit.

Mal ehrlich: Wer von euch hat während eines Films oder wenn man mit Freunden zusammensitzt, immer wieder den unwillkürlichen Drang, schnell sein Smartphone zu checken? Wann hast du das letzte Mal völlig fokussiert an einer Sache gearbeitet, ohne zwischendurch auf Instagram, Reddit oder ins E-Mail-Postfach zu linsen? Es könnte ja sein, dass etwas Neues, vielleicht mehr oder weniger interessantes auftaucht – und das muss ich natürlich sofort wissen!

Wir werden von Ablenkungen vor uns hergetrieben, die uns enorm viel Zeit stehlen, ohne uns weiterzubringen. Aber was hat das jetzt mit Virtual Reality zu tun?

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Hier kommt eine Theorie, ein anderer Grund, warum VR nur langsam wächst: Virtual Reality macht Menschen Angst, weil sie gezwungen werden, sich entgegen der jahrzehntelangen Prägung zur Oberflächlichkeit ohne Ablenkung auf Einzelthemen zu konzentrieren.

Apple-Chef Tim Cook ist berühmt-berüchtigt für seine Aussage, Menschen akzeptierten es nicht, wenn sie von der Außenwelt auf Dauer abgeschottet würden. Sie seien im Kern soziale Wesen, weshalb VR nur ein Nischenprodukt werde.

Lassen wir mal die offensichtlichen Argumente gegen diese Denkweise außen vor und konzentrieren wir uns (!) auf die Abschottung. Was geschieht, wenn ich mich komplett von meiner Umgebung isoliere, um mich auf etwas zu fokussieren? Ich lerne es deutlich besser kennen. Ich bin bei der Sache und begreife schneller und besser, womit ich gerade umgehe. Ich bin aufmerksamer und empfänglicher für Details. Mir unterlaufen weniger Fehler.

In einer Virtual-Reality-Anwendung konzentriere ich mich allein auf den Inhalt. Ich bin von Ablenkungen abgeschottet und mein auf Oberflächlichkeit trainiertes Gehirn hat keine Möglichkeit, meine Aufmerksamkeit aufs Smartphone zu lenken.

Klar, ich kann auch in VR teilweise mehrere Programme öffnen oder mir Benachrichtigungen aller Art einblenden lassen. Und Ablenkungen lassen sich mit Disziplin auch in der Realität eliminieren. Doch VR bietet eine physische Form der Fokussierung: Ich setze die VR-Brille auf und konzentriere mich und meine physische Präsenz auf eine einzige Sache – und zwar so lange, bis ich die VR-Brille wieder absetze.

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Macht das den Menschen Angst vor VR? Einerseits ist da der (bei der Quest 2 geringe) Aufwand, sich in eine gewisse Isolation zu begeben und dann die Isolation an sich. Aber auch in sozialen VR-Anwendungen wird meine Aufmerksamkeit anders gefordert als bei einer Teams-Sitzung am PC. Denn was muss ich tun, wenn ich in einem VR-Meeting mit Kollegen bin? Ich muss mich darauf konzentrieren und kann nicht (so einfach) nebenbei etwas anderes machen. (Ich klammere jetzt mal aus, dass wahrscheinlich mindestens 50 Prozent aller Meetings Zeitverschwendung sind und hier ein grundlegendes Problem vorliegt.)

Gleiches gilt für Bildung oder Training in VR: Ich bin gezwungen, vollkommen beim Thema zu sein, weil dieses Thema – und nur das! – mich komplett umgibt.

Der Journalist Nicholas Carr schrieb 2008 in einem Artikel: „Das Internet scheint meine Fähigkeiten zur Konzentration und Kontemplation zu reduzieren.“ Carr musste sich geradezu gewaltsam abschotten und zog in eine abgelegene Hütte, um sein Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin“ schreiben zu können.

Virtual Reality bietet diese „gewaltsame Abschottung“ überall. Ich zitiere noch einmal den obigen Satz von Cal Newport: „[…] es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Wechsel zum oberflächlichen keine Wahl ist, die mühelos rückgängig gemacht werden kann.“ Wir haben uns angewöhnt, uns ablenken zu lassen, unendlich viele Informationen auf uns einprasseln zu lassen.

Da macht es Angst oder fällt zumindest schwer, sich uneingeschränkt nur auf eine Sache zu konzentrieren. Wenn dazu noch ein physischer Faktor kommt, in diesem Falle die VR-Brille, die ich mir vor die Augen schnalle, entsteht eine beachtliche Hemmschwelle und ich versuche Ausreden zu finden, warum ich mich gerade nicht damit beschäftigen möchte: zu aufwendig, zu anstrengend, zu lange – ich könnte ja in der Zwischenzeit etwas verpassen.

Mal so betrachtet, sind die Vorteile von Virtual Reality signifikant, auch und vor allem für Unternehmen oder in der Bildung:

  • ablenkungsfreie Konzentration auf ein Thema
  • das Thema umgibt mich virtuell, was dazu führt, dass ich mich voll darauf einlassen muss
  • visuelle und motorische Stimulation erhöhen die Erinnerungsleistung

Natürlich wird in Zukunft die Vernetzung in VR deutlich steigen, die Möglichkeiten, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun oder in einem VR-Meeting unbemerkt was anderes zu machen. Aber: VR erhöht allein durch den Wechsel in eine virtuelle Dimension den Fokus auf eine Sache. Da wir diese Art der Konzentration verlernt haben, wird VR noch mal unattraktiver.

Valider Gedanke oder völliger Blödsinn? Was meint ihr?

Ich wünsche einen ablenkungsfreien und produktiven Montag.

Euer Ben