Virtual Reality gegen Phobien: Mit der VR-App gegen die Angst

Virtual Reality gegen Phobien: Mit der VR-App gegen die Angst

Die App oVRcome will Menschen dabei helfen, Phobien wie Höhenangst oder Angst vor Spinnen durch den Einsatz von VR-Brillen zu überwinden. Die Wirksamkeit von VR in der Behandlung unterschiedlicher Angststörungen wurde zuvor in einer klinischen Studie nachgewiesen.

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Einfach eine VR-Brille aufsetzen und im nächsten Moment in einem Flugzeug sitzend mit der eigenen Flugangst konfrontiert werden? Oder eine große, haarige Spinne beobachten, wie sie sich täuschend echt in 3D ihren Weg durch das Badezimmer bahnt? Auf einer Klippe stehend den Schwindel spüren, der beim Betrachten des Abgrunds aufkommt? Die sogenannte „Virtual Reality Exposure Therapy“ (VRET) arbeitet mit derart konfrontativ ausgelegten Szenarien zur Behandlung unterschiedlicher Phobien mithilfe von VR.

Neuseeländische Forscher:innen und Entwickler:innen haben jetzt eine umfangreiche App für den Privatgebrauch vorgestellt, mit der man unter anderem Phobien wie Flug- und Höhenangst, Angst vor Nadeln, Hunden und Spinnen überwinden können soll. Die App trägt den Namen oVRcome und ist in allen gängigen App-Stores verfügbar. Getestet wurde die App zuvor im Rahmen einer an der neuseeländischen University of Otago, Christchurch durchgeführten Studie, die die Wirksamkeit der VR-gestützten Therapie belegte.

Studie verheißt großes Potenzial

Bei dem dreimonatigen VR-Studienprogramm, das im vergangenen Jahr durchgeführt wurde, wurden 129 Proband:innen für fünf unterschiedliche Phobien behandelt: Flug- und Höhenangst, Angst vor Nadeln, Spinnen oder Hunden. Jede:r Proband:in wurde dabei mindestens 16 unterschiedlichen VR-Szenarien ausgesetzt. Die Simulationen sollten zunächst das Unbehagen beim Erleben der angstauslösenden Situation herbeiführen. Anschließend wurde untersucht, ob die regelmäßige Reizkonfrontation das Angstempfinden der Proband:innen im Verlauf mindern konnte.

Unmittelbar nach Abschluss der Studie sowie weitere sechs Wochen später sollten die Proband:innen jeweils selbst die aktuelle Schwere ihrer Phobie einschätzen, indem sie diese auf einer Skala zwischen 0 und 40 einordneten. Sogar Personen, die zu Anfang des Programms einen Wert zwischen 26 und 40 eingegeben hatten, was für eine mittelschwere bis gravierende Phobie spricht, wiesen nur noch geringe Symptome mit Werten bis maximal 7 auf. Die Studie kam so zu dem Ergebnis, dass sich die Angstsymptome der Teilnehmenden nach sechs Wochen um bis zu 75 % reduziert hatten.

Virtual Reality Therapy ist zwar keine neue Erfindung – erste Ansätze finden sich bereits in den 90er-Jahren – blieb bislang vorrangig eine akademische Forschungsdisziplin. Im Falle von oVRcome sehen die Forscher:innen an der University of Otago nun erstmals eine praktikable und leicht zugängliche Option für selbst geführte Behandlungen per Smartphone-App, nicht zuletzt aufgrund der niedrigen Kosten.

Adam Hutchinson, Gründer von oVRcome, hofft auf diese Weise mehr Menschen beim Überwinden ihrer Phobien helfen zu können. Er betont gern, dass der App eine aussagekräftige klinische Studie zugrunde liegt: „Neulich erschien ein Bericht in den USA, laut dem 86 Prozent aller für psychische Gesundheit entwickelten Apps nicht von klinischen Befunden gestützt sind. Darunter wollten wir nicht fallen“, so der Unternehmer.

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VR-App als Lösung für Versorgungslücken?

oVRcome bietet aktuell die Behandlung für elf unterschiedliche Phobien zum Preis von rund 60 US-Dollar, was einen sechswöchigen Premium-Zugang zu allen VR-Simulationen in der Beta-Version sowie ein mitgeliefertes VR-Headset umfasst. Der Gebrauch erfolgt per App: Das eigene Smartphone wird mit der gewählten Simulation auf dem Bildschirm in die VR-Brille eingeführt – ähnlich GearVR. Die vor kurzem veröffentlichte App wird bereits in 19 Ländern, darunter auch in Deutschland, eingesetzt.

Dass die Behandlungsmethode nun niedrigschwellig im eigenen Zuhause durchführbar ist, kann positiv sein – zumal viele der unter Angststörungen Leidenden, insbesondere diejenigen mit sozialen Phobien, oftmals Hemmnisse haben, sich aktiv um die Überwindung ihrer Angst zu bemühen. Ein weiteres Hindernis stellt die mitunter beschränkte Zugänglichkeit von Therapieangeboten dar, die nicht selten mit Wartelisten oder hohen Kosten verbunden sind. Außerdem ist der Therapiebesuch für viele Menschen mit Stigmata behaftet. So suchen Schätzungen zufolge bis zu 80 Prozent der Betroffenen keine professionellen Hilfsangebote auf.

„Die Coronapandemie hat unser Vertrauen in Remote-Gesundheitsangebote gestärkt. Dies ist eine Chance, gegen diese Statistiken anzugehen und hilfebedürftigen Menschen bessere Angebote zu verschaffen“, sagt Hutchinson. Gemeinsam mit den Forschenden an der Universität Otago will Hutchinson jetzt in weiteren klinischen Studien untersuchen, ob sich die VRET-Technologie auch bei anderen psychischen Störungen wie Depressionen, Drogenmissbrauch, Ess- und Panikstörungen oder Versagensängsten einsetzen lässt.

Virtuelle Begegnung mit realen Ängsten

Konfrontationstherapie (engl.: Exposure Therapy) ist im Bereich der Verhaltenstherapie angesiedelt und meint die gezielte Konfrontation von Patient:innen mit deren Phobien, ohne dass diese sich in einer ernsthaft gefährlichen oder risikoreichen Situation befinden. Die Behandlungsmethode wird standardmäßig in der Psychotherapie eingesetzt. Auch die Wirksamkeit des VRET-Ansatzes, bei dem Patient:innen mittels Virtual Reality in eine als bedrohlich wahrgenommene Umgebung versetzt werden, wurde durch mehrere klinische Studien nachgewiesen.

Positive Ergebnisse erzielte etwa die bislang größte klinische Studie für VR-gestützte Psychotherapie gameChange, die von Juli 2019 bis Mai 2021 in Großbritannien durchgeführt wurde. Bei dem an der Universität Oxford entwickelten VR-Therapieprogramm konnten Patient:innen zwischen sechs unterschiedlichen VR-Szenarien auswählen, die sie im Alltag meiden: etwa den Besuch eines Cafés oder einer Kneipe, das Einkaufen im Supermarkt oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Jede VR-Sitzung wurde zusätzlich von einem virtuellen Coach begleitet. Nach der sechswöchigen VR-Therapie hatten sich die schizophrenen oder psychotischen Symptome der 346 Proband:innen erheblich verringert.

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Auch eine größer angelegte Metastudie konnte die Wirksamkeit der VRET-Behandlungsmethode untermauern: Darin wurden die Ergebnisse von insgesamt 34 zwischen 2017 und 2021 veröffentlichten klinischen Studien untersucht. Die Autor:innen der Metastudie kamen zu dem Schluss, dass der Therapieansatz sowohl bei Angststörungen als auch bei Depressionen eine wirksame Behandlungsmethode darstellt und konventionelle Therapien sinnvoll unterstützen kann.

„Damit die Behandlung funktioniert, muss das Gehirn wissen, dass es sich in dieser Umgebung befindet. Mit der Zeit reagiert es dann weniger empfindlich“, so Hutchinson. Beim Betrachten eines einfachen Fotos oder Videos etwa verstehe das Gehirn normalerweise, dass diese Umgebung nicht real ist. Mithilfe von Virtual Reality lässt sich das Gehirn jedoch austricksen: Es glaubt, dass es sich tatsächlich in dieser Umgebung befindet. „Das macht die Behandlung so wirksam“, meint Hutchinson.

Vielversprechende Anwendung mit Hindernissen

Obwohl die VR-Konfrontationstherapie bereits positive Ergebnisse vorweisen kann, ist eine flächendeckende Implementierung in therapeutischen Praxen oder Krankeneinrichtungen derzeit unrealistisch. VR benötigt Platz, um richtig angewendet werden zu können. Außerdem ist die Einrichtung der Technologie zeitaufwendig, denn sie erfordert eine genaue Überprüfung durch adäquat geschultes Personal, damit alles korrekt funktioniert.

Nicht zu vergessen ist zudem der Kostenfaktor: Bislang war die Therapieform meist nur für eine einzige Phobie mittels High-End-Geräten möglich und daher eher in der akademischen Forschung angesiedelt. Das Potenzial als breit angelegte, in der Verhaltenstherapie nutzbare Technologie konnte so nicht ausgeschöpft werden.  Das ist einer der Gründe, warum der Technologie häufig Skepsis entgegengebracht wird.

Eine Studie der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) zeigt allerdings, dass Therapeut:innen, die die VRET-Technologie selbst testeten, sich infolge des Selbstversuchs der Technologie gegenüber weitaus zugänglicher zeigten. Die Studie kam zu dem Schluss, dass die skeptische Einstellung von Therapeut:innen ein großes Hindernis für eine Verbreitung der VRET-Behandlungsmethode darstellt.

Während der VRET-Methodik also noch einige Hindernisse in den Weg gelegt sind, bevor sie vom Status eines reinen Forschungsthemas flächendeckend in die angewandte virtuelle Realität übergeht, nutzen einige Psychotherapeut:innen die Behandlungsmethode bereits seit längerer Zeit. Zu ihnen gehört etwa der Marburger Verhaltenstherapeut Felix Eschenburg, der sich in seiner Praxis den niedrigschwelligen Zugang der Technologie zunutze macht und sie insbesondere bei Patient:innen mit Höhen-, Spinnen- oder Wespenangst anwendet. Bei letzterer kommen auch auditive Stimuli, die Patient:innen den Eindruck einer umherfliegenden Wespe verleihen, zum Einsatz.

Im Interview haben wir mit Felix Eschenburg darüber gesprochen, was VR für den Therapieeinsatz leisten kann und was nicht.

Zukunftstechnologie von gesamtgesellschaftlicher Relevanz

Für einen massentauglichen Erfolg der Technologie hält Eschenburg die Ausweitung auf weitere realistische Angstszenarien wie öffentliches Sprechen, Autobahnfahrten oder Angst vor Nagern für notwendig. Auf diese Weise könne eine positive Wirkung bei spezifischen Angsterkrankungen erzielt werden. Einen Ersatz herkömmlicher Therapiesettings, die eine auf Patient:innen individuell zugeschnittene Behandlungsmethodik sowie eine interaktions- und empathiebasierte Beziehung zwischen Patient:in und Therapeut:in voraussetzen, sieht der Psychologe dennoch nicht gegeben.

Das Anwendungsspektrum von VRET-Angeboten dürfte sich durch Apps wie oVRcome, mithilfe derer sich die Therapie für gezielte Phobien komfortabel von zuhause aus durchführen lässt, nun zumindest ändern. Dass das eigene Smartphone als Bildschirm nutzbar ist, macht die Anwendung deutlich günstiger und zugänglicher, auch wenn das Einschränkungen hinsichtlich der Qualität des Erlebnisses mit sich bringt. Für die spezifische Zielsetzung der Angstüberwindung stellt die Behandlungsmethode per App jedoch ein niedrigschwelliges Angebot dar, und ebnet womöglich den Weg für qualitativ hochwertigere Anwendungen von VR-Technologien außerhalb des Gaming-Bereichs und der akademischen Forschung.