Studie zeigt: Virtual Reality spielt mit unserem Realitätssinn

Studie zeigt: Virtual Reality spielt mit unserem Realitätssinn

Eine deutsche Studie legt nahe, dass Virtual Reality Einfluss auf das Realitätsempfinden hat. Grund zur Sorge bestehe allerdings nicht.

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Ich kann mich noch gut an meine erste, längere Spielerfahrung in Virtual Reality erinnern. Als ich die VR-Brille absetzte, war es für kurze Zeit die Wirklichkeit, die unwirklich erschien. Das fühlte sich ein wenig an, als wäre ich noch immer unter der VR-Brille und die Umgebung samt meinem Körper simuliert. Ein unheimliches Gefühl.

In VR-Foren liest man immer wieder, dass andere Menschen beim ersten oder zweiten VR-Trip eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Kann es sein, dass das Hirn bei der Konfrontation mit Virtual Reality gezwungen ist, seine Vorstellung von Wirklichkeit anzupassen und dass es deshalb zu solchen Verschiebungen der Wahrnehmung kommt?

Seit dieser ersten Erfahrung hatte ich jedenfalls nie mehr etwas dergleichen erlebt und auch sonst habe ich nicht das Gefühl, dass Virtual Reality meinen Sinn für Realität trübt. Egal, wie lange ich mich in ihr aufhalte. Mein Gehirn hat wahrscheinlich gelernt, zwischen physischer und digitaler Wirklichkeit zu unterscheiden und lässt sich nicht mehr so leicht austricksen.

Eine Studie soll den VR-Effekt beweisen

Dass solche Erfahrungsberichte immer wieder auftauchen, hat eine Gruppe deutscher Forscher:innen auf den Plan gerufen, die das Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen wollten.

In der Fachsprache der Psychologie und Psychiatrie spricht man von Depersonalisation (DP) und Derealisation (DR). Derealisation meint, dass einem die Umwelt fremd und unwirklich vorkommt, bei der Depersonalisation bezieht sich dieses Gefühl auf die eigene Person. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Phänomene, die jedoch eng zusammenhängen.

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Carina Peckmann, Kyra Kannen, Max C. Pensel, Silke Lux, Alexandra Philipsen und Niclas Braun von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn haben in einer Studie untersucht, ob Virtual Reality solche Phänomene hervorrufen kann. Die Ergebnisse wurden im Februar in der Fachzeitschrift Computers in Human Behavior veröffentlicht.

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Probanden spielten Skyrim VR

„Da VR eine Technologie ist, die die Realitätserfahrung zumindest während des VR-Konsums stark beeinflussen kann, fragten wir uns, ob Virtual Reality auch die Realitätserfahrung in Bezug auf die ‚reale Welt‘ nach dem VR-Konsum beeinflusst“, erklärt der Studienleiter Niclas Braun gegenüber dem Psychologie-Blog PsyPost.

Für ihre randomisierte kontrollierte Längsschnittstudie wählten die Forschenden 80 Teilnehmer:innen ohne psychiatrische oder neurologische Störungen aus. 40 spielten die ursprüngliche 2D-Fassung des Rollenspiels Skyrim auf einem Monitor, 40 die immersivere VR-Portierung mit VR-Brille.

Anhand eines standardisierten Fragebogens, dem sogenannten Cambridge Depersonalization Scale (CDS), wurde zu vier unterschiedlichen Zeitpunkten der individuelle Grad der Depersonalisation und Derealisation (DPDR-Level) ermittelt: unmittelbar vor der Spielsitzung, unmittelbar nach der Spielsitzung, ein Tag nach der Spielsitzung und eine Woche nach der Spielsitzung.

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Neben dem Fragebogen wurden eine Reihe weiterer Tests durchgeführt, bei denen die emotionale Responsivität, der Grad an Motion Sickness und die Realitätswahrnehmung ausgewertet wurden.

Das Forscherteam gibt Entwarnung

Die Studie ergab, dass sowohl der 2D- als auch der VR-Konsum vorübergehend leichte DPDR-Symptome hervorruft, wobei die VR-Nutzung in dieser Hinsicht „signifikant stärker“ wirkt. Längerfristige Verschiebungen im Wirklichkeitsempfinden konnte die Gruppe in keinem der beiden Fälle messen.

„Unsere Studie lieferte weitere Belege für die Entstehung von DPDR-Symptomen durch VR-Techniken und ist die erste Studie, die diesen Befund mit einer adäquaten Kontrollgruppe nachweist“, schreibt die Gruppe im Studienfazit. „Allerdings scheinen die gefundenen DPDR-Effekte in ihrer Intensität klinisch nicht relevant zu sein und basierend auf unseren Daten kann kein Nachweis für einen DPDR-Langzeiteffekt nach einmaligem VR-Konsum erbracht werden.“

Mit anderen Worten: Der Einfluss von VR auf die Realitätswahrnehmung tritt nur kurz nach der VR-Nutzung auf und ist so geringfügig, dass er kein Risiko darstellt.

VR-Einfluss: Viele Fragen sind noch unbeantwortet

Die Studie hat eine Reihe von Einschränkungen, die weitere Forschung notwendig machen. Die Gruppe weist darauf hin, dass die Spielsitzungen nur jeweils 30 Minuten dauerten und dass nur ein Spiel getestet wurde.

Was ist, wenn jemand zwei, vier oder acht Stunden am Stück in der VR spielt und das jeden Tag über eine längere Zeit? Und wie wirken andere, realistischere VR-Spiele auf das Wirklichkeitsempfinden?

Die Gruppe hat zudem nur gesunde Testsubjekte untersucht. Wie sich VR auf Menschen mit psychischen Störungen oder Psychosen auswirkt, ist nicht bekannt. Viele Fragen sind also noch unbeantwortet.

Die Studie mit dem Titel Virtual reality induces symptoms of depersonalization and derealization: A longitudinal randomised control trial könnte ihr kostenlos im Internet abrufen.

Quellen: PsyPost