KOMMENTAR

Nur für Menschen mit einem Rest Verstand

Nur für Menschen mit einem Rest Verstand

Alles, was wir gerade tun, ist vollkommen irrelevant geworden. Wenn wir nicht sehr aufpassen, wird es niemals ein Metaverse geben.

Normalerweise beschäftigt sich meine Wochenkolumne MIXED am MONTAG mit Themen, die mit Technologie, mit der Zukunft der Computer zu tun haben. Heute ist mir nicht danach, über Meta zu schwadronieren. Mich interessiert heute nicht, ob und wann die nächste VR-Brille kommt.

Es gibt wieder Krieg in Europa. Nicht irgendwelchen Krieg: Russland hat das Nachbarland Ukraine überfallen. Doch nicht nur das: Russland nimmt jegliche Verteidigungshaltung Europas sowie die berechtigten Sanktionen als Grund, um mit einem nuklearen Krieg zu drohen. Offen und skrupellos.

Die Geschehnisse dort sind an sich schon unfassbar und schrecklich genug. Doch das i-Tüpfelchen, sozusagen die Sahnehaube auf dem bereits dampfenden Scheißhaufen, sind all jene unter uns Wohlstandskranken, die mit „Geil, endlich zeigt Putin es dem Westen“ oder „Der Westen ist schuld“ aus vermeintlich sicherer Entfernung über Krieg, Tote, Flüchtende, Chaos und Angst spotten, ihren Zynismus in digitale Kanäle speien und unablässig mehr Gift in die Adern dieser geplagten Welt pumpen.

Nun ist das nicht neu. In der – übrigens noch längst nicht ausgestandenen – Pandemie sind asoziale Tendenzen in unserer Gesellschaft immer deutlicher zutage getreten. Auch jetzt, im Angesicht einer Krise, die das Leben sämtlicher Menschen auf der Welt zumindest stark verändern wird, reden Idioten von Kriegstreiberei der Grünen und der SPD, beschuldigen ukrainische Flüchtende der Wohlstandsmigration oder spinnen von einem Ablenkungsmanöver der WHO, die uns alle unbedingt chippen will.

Vollidioten gab es immer schon. Allerdings dürfen sie ihren gequirlten Müll seit Jahren mit der Intensität von Hochleistungsgüllepumpen in Social Media und in den Nachrichten verbreiten. Oft genug sind es sogar große Medien selbst, die mit völliger Schamlosigkeit Hass und Hetze zum Geschäftsmodell erklärt haben.

Fehler gibt es natürlich überall zu finden. Jedes Land dieser Welt hat Dreck am Stecken. Doch Whataboutism bringt niemanden weiter. Wenn mein Nachbar mit mir seit Jahren im Streit liegt, habe ich selbst bei anhaltenden Beleidigungen oder einer Blockade meines Parkplatzes niemals das Recht, mit der Kettensäge in sein Haus zu gehen und unter seiner Familie zu wüten. Und ich habe nicht das Recht, den Nachbarn, die zur Hilfe eilen, damit zu drohen, die ganze Straße anzuzünden.

Unser Problem ist ein einfaches, ein sehr altes, ein Tumor, der immer schon in der menschlichen Gesellschaft wütete und nie wirklich herausgeschnitten wurde: Wir haben niemals Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Vorstellungen und Wünsche geächtet. Damit ist nicht die rechtsstaatlich legitimierte Gewalt im Falle von Regelbrüchen gemeint. Auch nicht die Gewalt, die zum Zwecke der Verteidigung notwendig wird. Beides dient dem Schutz der Gesellschaft.

Die Ächtung müsste aber bereits im Alltagsleben erfolgen. Jegliche Gewalt gegen Mitmenschen müsste derartig tabu sein, dass es niemand wagt, darüber nachzudenken. Das wäre allerdings eine Frage von Erziehung, Empathie und Bildung. Auch die Bestrafungen für Gewaltanwendung müsste anders aussehen: Jegliche Gewaltanwendung müsste vom Täter vielfach an die Gesellschaft zurückgezahlt werden – finanziell und durch Arbeit, die der Gesellschaft zugutekommt. Doch das tun wir nicht. Wenn jemand einen anderen schlägt oder verletzt, gibt es Bewährungsstrafen – wenn sie nicht sogar einfach als Bagatelldelikte fallengelassen werden. Ansonsten fällt uns nur Einsperren ein – aber einen sozialen Lern- und Entschädigungsprozess, den gibt es nicht.

Gleichzeitig muss uns klar sein: Freiheit und Demokratie verbreiten sich nicht einfach. Sie müssen bewahrt und verteidigt werden. Dazu gehört auch die Konsequenz, dass die Freiheit des anderen verteidigt wird – selbst wenn das unseren Wohlstand senkt. Sich hinter seinem Lebensstandard zu verstecken, während Menschen sterben, ist schlicht widerlich.

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Es gibt viel zu sagen über das komplexe Miteinander in einer menschlichen Gesellschaft. Es gibt viel zu reden über die eigenen Fehler, über Fehler in der Vergangenheit ebenso, wie über Fehler, die noch gemacht werden können.

Doch eines ist klar: Wenn wir uns alle nicht grundlegend und existenziell maßgeblich darauf einigen können, dass jegliche Gewalt bis hin zum Krieg keine Optionen sein können, werden wir in unser Verderben laufen. Vielleicht ist es schon so weit, auch wenn ich hoffe, dass das russische Volk aufwacht und den Verrückten im Kreml schnell zum Teufel jagt.

„Thoughts and Prayers“ haben nie geholfen. Lippenbekenntnisse haben nie geholfen. Was hilft, ist aktiver Zusammenhalt, auch wenn man sich nicht einig ist. Was hilft, ist konsequent freiheitliche Werte zu verteidigen, auch wenn ich meinen Nachbarn nicht mag. Was hilft, ist sich selbst und sein Ego zurückzunehmen, um allen zu helfen, selbst wenn man dadurch Nachteile in Kauf nehmen muss. Im Kleinen heißt das: Keinen Müll posten. Keine dummen, unbedachten Dinge sagen. Nicht hetzen. Nicht hassen. Stattdessen aufbauen, motivieren, zusammenstehen. Im Großen heißt das: Gemeinsam gegen Autokratie, Krieg und Gewalt Flagge zeigen. Denen, die leiden, bedingungslos helfen.

Wenn wir nicht endlich bei uns selbst anfangen und aufhören, immer nur auf andere zu zeigen, wird sich Geschichte immer wiederholen, denn bis dahin haben wir nur bewiesen, dass wir nicht lernfähig sind.

Können wir das? Ich bin da sehr pessimistisch. Aber ich möchte gern daran glauben.

Ich wünsche uns allen einen Montag mit besseren Nachrichten und hoffe, dass der Krieg in der Ukraine, ebenso wie alle anderen Kriege auf dieser Welt, bald beendet sein mögen.

Euer Ben