Industrie-VR-Entwickler „Motion & Strategy“ im Portrait: Nur die ganz großen Dinger

Industrie-VR-Entwickler „Motion & Strategy“ im Portrait: Nur die ganz großen Dinger

Abseits von Spielen erlebt VR gerade ein aufflammendes Interesse in der Industrie. Davon berichten die Gründer des Entwicklerbüros „Motion & Strategy“ aus Aachen. Seit 2016 erschaffen sie VR-Anwendungen für Stahl- und Bauunternehmen. 

Dieser Artikel wurde von unserem Gastautor Jörn Schumacher verfasst.

Anfang März präsentierten die Geschäftsführer der Kloeckner Metals Germany GmbH am Standort Nürnberg ihre neueste Investition: Mit einer VR-Brille lernen angehende Kranführer:innen des Unternehmens, riesige Brückenkräne zu führen. Kloeckner Metals Germany ist einer der größten herstellerunabhängigen Stahlhändler Deutschlands, dessen Mutterkonzern, die Klöckner & Co SE, 120 Standorte vor allem in Nordamerika und der DACH-Region unterhält – Umsatz: 7 Milliarden Euro. Seine Portalkrane bewegen täglich bis zu 600 Tonnen Stahl. Kloeckner möchte das VR-Training nun an zehn weiteren Standorten einsetzen.

Die Unfallrisiken und die Ausfallzeiten der Kräne werden durch das VR-Training verringert, die Sicherheit am Arbeitsplatz erhöht. In der VR-Umgebung werden zehn praktische Übungen zur Auffrischung (nach VDI-Norm 2194) durchgeführt.

Dabei werden Gefahrensituationen simuliert, die im echten Leben nur schwer darstellbar wären: Wenn eine Person in den Gefahrenbereich läuft, in Kontakt mit einer schweren Last gerät oder davon sogar verletzt wird. Die Software wertet zudem das Verhalten am Gerät aus und verdeutlicht individuelle Lernkurven.

Entwickelt wurde die in der deutschen Stahlindustrie bislang einzigartige VR-basierte Trainingsumgebung für Kranführer:innen von der Firma „Motion & Strategy“.

Als VR noch neu war

Auf niederländischem Gebiet, aber direkt an der Grenze zu Deutschland gelegen, hat sich das Unternehmen auf einem runden Gelände niedergelassen, das sich „Avantis Heerlen-Aachen“ nennt. Zum Team gehören Informatiker:innen, Elektrotechniker:innen, sowie 3D- und Kommunikationsdesigner:innen.

Zusammen mit Christoph Vanwersch und Patrick Kuckelkorn hat Alessandro Lo Cicero „Motion & Strategy“ gegründet. Die erste VR-Anwendung hat die Firma 2016 entwickelt, damals war der Begriff noch exotischer als heute. Das erste VR-Produkt war für die SpanSet-Gruppe. Es ging um das Verladen von Gütern am Hafen. „Der Anklang war damals so groß, dass sofort auch andere Firmen Interesse zeigten“, sagt Vanwersch.

Drei Männer blicken grinsend in die Kamera während sie VR-Brillen und Controller in den Händen halten.

Die Gründer von Motion & Strategy: Alessandro Lo Cicero, Christoph Vanwersch und Patrick Kuckelkorn (v.l.n.r.) | Bild: Motion & Strategy

Es folgten weitere VR-Anwendungen für die Industrie. Etwa „Baustellensicherheit für Mitarbeiter“, bei dem Trainees mit einer VR-Brille lernen, Gefahren in den Bereichen Mensch-Maschine-Interaktion, Höhensicherung und Heben zu erkennen. Dazu gehört auch die Darstellung von Konsequenzen bei Fehlverhalten: Da kann schon mal ein (virtueller) Kollege von einem Stahlträger erschlagen werden. Auch die Anwendung „Ladungssicherung“ dient dazu, möglich Fehler virtuell darzustellen, die man dann real auf im Straßenverkehr besser nicht mehr macht.

Nachdem die schwere Ladung auf einem Lkw platziert und ordnungsgemäß festgezurrt wurde, setzt sich das Fahrzeug in Bewegung. Es wird sofort sichtbar, ob etwas falsch gesichert wurde, wenn der Lkw in die Kurve geht. Purzelt Ladegut vom Anhänger, heißt es: Noch einmal machen und auf die Anweisungen achten!

Anfangs, etwa im Jahr 2013, produzierten die Inhaber von „Motion & Strategy“ Image-Videos für die Industrie. Da sie immer wieder 3D-Animationen in den Filmen unterbrachten, entstand die Idee, diese zu interaktiven virtuellen Umgebungen für VR-Brillen wie die HTC Vive auszubauen, die damals erstmals einigermaßen erschwinglich auf den Markt kamen.

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Lernen unter Zeitdruck ist kein gutes Lernen

Der Reifen-Hersteller Continental setzt die VR-Anwendungen der Aachener ebenfalls ein. Auch hier gilt: Kran-Ausfallzeit bedeutet Produktionsstillstand. „Das geht schnell in die Tausende Euro pro Stunde“, sagt Lo Cicero. Hinzu komme, dass die Trainees wegen dieser Bedingungen unter Zeitdruck stehen, da der Kran ja schnell wieder gebraucht wird. Und unter Zeitdruck lernt es sich bekanntlich nicht gut.

Seit Kurzem ist auch „ArcelorMittal“ Kunde der Aachener Entwickler. Der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt, mit 60 Werken in über zwei Dutzend Ländern, transportiert Bandstahlrollen, sogenannte Coils. Dafür steht eine Sonderanfertigung einer VR-Umgebung für die Aachener an. „Motion & Strategy“-Mitbegründer Vanwersch erklärt: „Wenn solch ein Coil Schaden nehmen sollte, liegt der Schaden im fünfstelligen Bereich. Deswegen setzt das Unternehmen alles daran, den Transport sicher durchzuführen. Dafür sind spezielle Trainings nötig.“

In einer Industriehalle stehen vier Männer in Sicherheitskleidung. Einer davon trägt eine VR-Brille und bedient einen virtuellen Kran.

Eines der Projekte von Motion & Strategy ist ein VR-Training für angehende Kranführer:innen. | Bild: Kloeckner Metals Germany

Vor fünf Jahren wurde der TÜV Süd auf die VR-Apps von „Motion & Strategy“ aufmerksam. Über eine eigene Plattform für Schulungs- und Trainingsumgebungen, genannt „Immersive Virtual Expert Experience“ (IVEE), bietet der TÜV Süd neben 360-Grad-Videotouren und „Serious Games“ als Desktop-Anwendungen auch VR-Apps an. Zu den mittlerweile 22 Anwendungen, etwa für die Logistik oder den Hochvolt-Bereich, gehören auch Apps der Aachener.

Das Gebäude der Entwickler steht in den Niederlanden, allerdings ist die deutsche Grenze kaum 30 Meter entfernt. Vanwersch selbst ist Niederländer. Sind die Niederländer etwas aufgeschlossener, was VR angeht? „Als wir vor zehn Jahren anfingen, war das vielleicht so“, sagt Vanwersch. „Die Niederländer waren aber insgesamt immer etwas aufgeschlossener, was junge Start-ups angeht.“

Wenn die Entwickler ihre Produkte auf Messen vorstellen, sei den Leuten Virtual Reality aber nach wie vor in 90 Prozent der Fälle nur vage bekannt. „Mein Sohn hat so etwas“, heißt es dann, oder „Mir wurde da schlecht, weil ich auf einer Achterbahn gefahren bin.“ Vanwersch fügt hinzu: „Wenn wir ihnen dann unsere Anwendungen zeigen, sind sie überrascht und alle Zweifel sind beseitigt.“

Mobile VR-Brillen machen den Unterschied

Mitbegründer Lo Cicero sagt: „Durch den Auftritt von Apple auf diesem Markt gibt es ein gesteigertes Interesse, das merkt man deutlich. Früher galt VR immer als Gaming, aber Apple verkauft ja kein Gaming.“ Seit der Oculus Quest 1 setzen die Entwickler auf Standalone-Anwendungen, die direkt auf der VR-Brille laufen. Der Vorteil liege im niedrigen Preis. Eine Quest 2 kostet rund 250 Euro, eine Pico 4 Enterprise etwa 900 Euro. „Aber der Kunde will auch keinen Rechner aufbauen und keine Kabel zur Brille führen. Er will eine Brille in einem Koffer transportieren, sie herausnehmen und loslegen.“

Seit der ersten Kran-VR-App hat sich viel getan: Die bildliche Darstellung der Umgebung und die Physik der Gegenstände sind realistischer geworden. Ein erfahrener Kranführer sagte in Nürnberg, dass er kaum noch einen Unterschied im Look-and-Feel zur Realität erkenne. Es komme am Ende aber gar nicht darauf an, die VR-Grafik noch realistischer zu machen, sagt Vanwersch. Beim virtuellen Training komme es vor allem auf die Physik der Bedienung an: Pendelt die Last so wie in der Realität, verhalten sich die Gegenstände aufgrund ihrer Masse träge wie in der Realität, sind alle Schaltknöpfe und Hebel realisiert?

Nach der Präsentation bei Kloeckner Anfang März hätten sich schnell mehrere Firmen bei „Motion & Strategy“ gemeldet, berichten die Entwickler. „Der Run auf VR steigt an“, sagt Lo Cicero. „Man merkt: die Leute suchen, vielleicht auch weil die Konkurrenz so etwas schon hat, da will man nicht hintenanstehen.“