Kommentar

Im Angebot: Regeln für KI-Ethik – wie viele dürfen es denn sein? Geschnitten oder am Stück?

So richtig weiß die Menschheit noch nicht, was da mit Künstlicher Intelligenz auf sie zukommt. Gesellschaftsverändernde Vollgas-Automatisierung, gar ein dominierender Maschinen-Overlord – oder doch nur ein laues Tech-Lüftchen, gefangen in der Deep-Learning-Sackgasse.

Was macht der Mensch also, wenn er nicht weiß, was kommt: Er sucht nach Orientierung, indem er eine Regel aufstellt. Und nur eine Sache auf der Welt stiftet mehr Orientierung als eine Regel: viele Regeln.

Dieser Logik folgend, sind Regeln für den Umgang mit KI gerade schwer in Mode. Staatenverbünde haben sie, ebenso wie einzelne Länder. Doppelt hält schließlich besser. Dazu kommen Militär, Unternehmen und Non-Profit-Organisationen, die Frittenbude mit sprechendem Kühlschrank schräg gegenüber vom Bahnhof – weshalb dann nicht auch der Vatikan? Kirche beginnt schließlich mit KI.

So warnt der Papst vor KI

Papst Franziskus ließ anlässlich des KI-Workshops “Rome Call for AI Ethics” eine Rede vortragen, in der er auf die Gefahren einer durch KI-Technik kontrollierten Gesellschaft hinweist: “Diese Asymmetrie, die darin besteht, dass einige wenige alles von uns wissen, während wir nichts über sie wissen, schränkt kritisches Denken und das bewusste Ausüben von Freiheit ein.” Kirchenkritiker müssen sich bei dieser Aussage wohl auf die Zunge beißen (oder auch nicht). Sei es drum.

Aufgebaut ist das KI-Ethik-Dokument des Vatikans auf sechs Prinzipien, die im Wortlaut, oder ganz ähnlich, in den zuvor erwähnten zahlreichen anderen Ethik-Papieren stehen: Transparenz, Inklusion, Verantwortung, Objektivität, Verlässlichkeit sowie Sicherheit und Privatsphäre. All diese Punkte soll eine positive KI-Entwicklung beachten. Klingt gut.

Zum Vergleich: Das US-Militär wünscht sich KI, die rückverfolgbar, also transparent ist, steuerbar bleibt, demnach unter menschlicher Verantwortung steht und verlässlich sowie objektiv agiert. Klingt gleich.

Regeln für KI-Ethik: Abschreiben wie achte Klasse Lateinunterricht

Immerhin zitiert der Vatikan womöglich selbstkritisch den Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipovic, der zielsicher das größte Problem an den päpstlichen KI-Regeln beim Namen nennt: Es existierten “schon haufenweise solcher KI-Codices” und “eigentlich steht immer das Gleiche drin”.

Was Microsoft und IBM, die ihre eigenen, quasi identischen KI-Regeln schon lange aufgestellt haben, freilich nicht daran hindert, auch den Papst-zertifizierten KI-Richtlinien offiziell den Daumen hoch zu geben. Weil … wieso nicht?

Beide Technologiekonzerne arbeiten übrigens aktiv an Künstlicher Intelligenz für Gesichtserkennung, also genau jener Verästelung der KI-Technik, die wie keine andere das Potenzial hat, Menschen zu kontrollieren und zu unterjochen. Wenigstens verlangt der Vatikan-Kodex nach Regulierung für KI-Überwachung und nennt explizit die Gesichtserkennung als Gefahrenquelle.

Was dringender gebraucht wird, aber ungleich schwieriger zu erreichen ist als die x-te Auflage unverbindlicher Ethik-Wegweiser, sind länderübergreifende Gesetze und mit dem nötigen Fachwissen ausgestattete Institutionen, die dafür sorgen, dass bei KI alle nach den gleichen Regeln spielen.

Wie mein Kollege Maximilan Schreiner bei seinem Ausblick auf KI 2020 prognostizierte: Das sogenannte Ethics Washing wird bei Künstlicher Intelligenz ein großes Thema sein.

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