Künstliche Intelligenz im Krieg: Die Zukunft der Abschreckung

Künstliche Intelligenz im Krieg: Die Zukunft der Abschreckung

Der Ukraine-Krieg wird zur Testumgebung für herumlungernde Munition. Verändert Künstliche Intelligenz die Zukunft der militärischen Abschreckung?

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Der russische Angriff auf die Ukraine zeigt, dass Eroberungskriege kein Artefakt der Vergangenheit sind. Dieser spätestens seit 2014 sichtbare Rückfall in eine veraltete Vorstellung territorialer Integrität von Staaten bringt das Konzept der Abschreckung wieder in die Tagesordnung der Politik zahlreicher Demokratien – auch in Deutschland.

Die neue Bundesregierung will nun den Beitrag zur NATO leisten, den vor wenigen Jahren etwa der damalige US-Präsident Donald Trump medienwirksam forderte. Mit dem Sonderbudget von 100 Milliarden Euro wird Deutschland wohl auf Platz drei der Länder mit den weltweit höchsten Militärausgaben rutschen.

Noch streiten Politiker:innen und Öffentlichkeit, ob es um Ausrüstung oder Aufrüstung geht, welche Reformen das Beschaffungswesen benötigt und ob der F35-Kampfjet den Tornado ersetzen und die nukleare Teilhabe sicherstellen soll. Doch das Budget und die Verpflichtung, in Zukunft zwei Prozent des BIP für Verteidigung auszugeben, und die Freigabe von Waffenlieferungen in ein Konfliktgebiet, sind ein historischer Politikwandel.

Autonomie als Teil der Abschreckung

Die atomare Teilhabe Deutschlands ist Teil der atomaren Abschreckung der NATO. Sie soll einen Krieg mit anderen Großmächten verhindern. Historisch leistete das Verteidigungsbündnis so zumindest einen Beitrag zur territorialen Integrität seiner Mitgliedsstaaten. Doch was machen Staaten ohne direkte NATO-Unterstützung?

Der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj übernahm 2019 sein Amt, fünf Jahre nach der ersten russischen Invasion. Er investierte viel Zeit und Geld in den Ausbau der ukrainischen Streitkräfte und die Kooperation mit westlichen Partnern, um einen möglichen Angriff Russlands zu verhindern.

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„Er war einer der wenigen Politiker auf dem europäischen Kontinent, die verstanden, dass man expansive Diktaturen nicht mit bösen Worten oder Wirtschaft abschrecken kann, sondern nur durch die glaubwürdige Androhung von Gewalt. Diese Meinung war damals bei seinen Verbündeten nicht sehr beliebt“, sagt etwa Palmer Luckey, CEO des auf KI-Lösungen spezialisierten Verteidigungsunternehmens Anduril.

Das Unternehmen sicherte sich Anfang 2022 einen Milliarden-Auftrag zur Drohnenbekämpfung und arbeitet mit der NATO in Europa zusammen.

Laut Luckey braucht es starke Technologie, die die Kosten für eine Invasion so hochtreiben, dass diese undenkbar wird. Autonomie sei so ein wichtiger Bestandteil der Abschreckung. Moderne KI-Technologie soll so Staaten Sicherheit geben, die keine Atomwaffen besitzen.

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Tatsächlich setzen ukrainische Streitkräfte Drohnen wie die türkische Bayraktar TB-2 ein, die über autonome Fähigkeiten verfügt. Diese Drohnen sind allerdings mit einer Flügelspannweite von zwölf Metern recht groß und werden von Luftwaffenstützpunkten betrieben, die das Ziel von russischen Angriffen sind. Die Ukraine besaß zu Kriegsbeginn zudem höchstens 20 der türkischen Drohnen.

Die Ukraine setzt ergänzend auf zivile Drohnen zur Aufklärung und zur Bekämpfung von russischen Fahrzeugen und Infanterie. Bilder zeigen Drohnen, die Sprengkörper wie Handgranaten mithilfe improvisierter Mechanismen auf gegnerische Truppen abwerfen.

Doch diese im Ansatz autonomen Kriegsgeräte sind seitens Russland offensichtlich nicht als ausreichende Bedrohung wahrgenommen worden, auch weil die TB-2-Drohnen eigentlich als leichte Ziele für russische Luftabwehrsysteme gelten.

Territoriale Streitkräfte als Standbein der Abschreckung

Ein etablierter Bestandteil der Abschreckungsstrategie ist dagegen der Wille der Bevölkerung, gegen die Invasoren zu kämpfen. In Ländern wie Polen, Estland und der Ukraine, in denen die Bedrohung eines russischen Angriffs seit Jahren ernst genommen wurde, entstanden daher „Territoriale Streitkräfte“. Sie setzen sich aus aktiven und ehemaligen Militärangehörigen sowie in großen Teilen aus Freiwilligen aus der Zivilbevölkerung zusammen.

Die ukrainischen territorialen Streitkräfte entstanden 2014 und umfassen etwa 200.000 Soldaten und Soldatinnen, die in 25 Brigaden verschiedene Regionen und Kiev verteidigen.

Die zivilen Freiwilligen werden von Militärs ausgebildet und sollen im Falle einer Invasion etwa die hybride Kriegsführung, wie sie 2014 bei der Invasion der Krim von russischer Seite betrieben wurde, bekämpfen, und selbst asymmetrische Kriegsführung betreiben. Das Ideal sind kleine, schlagkräftige Gruppen, die autonom hinter der ersten Angriffswelle operieren können und etwa die Logistikkette angreifen.

Doch der Wille allein ist nicht genug, meint Admiral Lee Hsi-ming, ehemaliger taiwanesischer Generalstabschef, ehemaliger Vizeminister für nationale Verteidigung und Befehlshaber der taiwanesischen Marine.

„Abschreckung ist dann am stärksten, wenn die Bereitschaft eines Volkes, zu kämpfen, mit seiner Fähigkeit einhergeht, dies auf eine Art und Weise zu tun, die einem potenziellen Angreifer glaubhaft mit inakzeptablen Kosten und Schmerzen droht“, so der Admiral im Ruhestand.

In der Ukraine fehlten Helme und schusssichere Westen, doch auch fortschrittlichere Waffensysteme waren zu knapp, um in die Rechnung des Kremls einzugehen. Richtig ausgestattet, könnten territoriale Streitkräfte zwar keine groß angelegte Invasion abwehren. Sie könnten jedoch einen raschen Sieg verhindern, indem sie sicherstellten, dass die anschließende Besetzung gewaltsam und langwierig sei, so Lee.

Wenn das einen Angriff nicht abschrecke, könne sie dennoch internationale Unterstützung mobilisieren und Zeit für ein Eingreifen externer Kräfte gewinnen.

Der Informationskrieg und Herumlungernde Munition

Lee fordert solche Streitkräfte auch für Taiwan, um einen möglichen chinesischen Eroberungskrieg zu verhindern. Die territorialen Truppen müssten im Einsatz von verschiedenen Waffensystemen, auch den in der Ukraine erfolgreich eingesetzten Javelin-, NLAW- und Stinger-Raketen, ausgebildet und vor allem ausreichend ausgerüstet werden – vor einem Konflikt.

Der Zugang zur Satellitenkommunikation und die Ausbildung in Propaganda, sozialen Medien und Informationsarbeit werde sich ebenfalls als nützlich erweisen. Mao selbst erinnere schließlich daran, dass die Druckerpresse die wichtigste Waffe der Guerilla sei.

Auch in der Ukraine spielt der Informationskrieg eine große Rolle. Im KI-Kontext tauchte Mitte März ein möglicher Selenskyj-Deepfake auf, der über eine gehackte Nachrichtenseite verbreitet wurde und die Moral der ukrainischen Truppe im großen Stil schwächen sollte. Die ukrainische Regierung hatte die Bevölkerung allerdings schon Anfang März vor dieser möglichen Attacke gewarnt – und der Deepfake war qualitativ miserabel umgesetzt.

Elementar für die militärischen Fähigkeiten sind laut Lee Drohnen, insbesondere „herumlungernde Munition“, eine Kombination aus Überwachungsdrohne und Sprengkörper. Diese habe ihre Schlagkraft bewiesen – auch in der Ukraine – und sei daher ebenfalls wichtig für die territoriale Verteidigung, so Lee.

USA liefern „Switchblade“-Drohnen an die Ukraine

Das sieht auch die amerikanische Regierung so. „Selbstmorddrohnen“ existieren seit mindestens einem Jahrzehnt. Sie wurden etwa von US-Streitkräften in den Kriegen in Afghanistan und Syrien eingesetzt. Im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan im vergangenen Jahr nahm die Technologie eine zentrale Rolle ein.

Nicholas Grossman, Professor für internationale Beziehungen an der University of Illinois, betrachtet die Verbreitung dieser Drohnenart als „Demokratisierung intelligenter Bomben“. Günstige herumlungernde Munition bedeute, intelligente Bomben zu verbreiten. Dadurch schrumpfe die Kluft zwischen fortschrittlichen und kleineren Militärmächten.

Konsequenterweise kommen diese Drohnen auch in der Ukraine zum Einsatz: Die russische Armee setzt etwa die ZALA KYB Drohne ein und besitzt weitere aus dem Syrien-Konflikt bekannte Modelle. Die ukrainische Armee kombinierte die im eigenen Land entwickelte Punisher-Drohne mit einer Aufklärungsdrohne, um Bomben gezielt auf Ziele fallen zu lassen.

Eine neue Qualität der technologisierten Kriegsführung wird jedoch nun mit der bestätigten Lieferung von 100 „Switchblade“-Drohnensystemen an die Ukraine durch die USA eingeleitet. Es ist das erste Mal, dass eine so große Menge Selbstmorddrohnen in ein Krisengebiet geliefert wird. Neben den USA besitzen bisher nur britische Streitkräfte die relativ unbekannte Drohne.

Die herumlungernde Munition ist in zwei Varianten bekannt: Eine Variante dient der Bekämpfung von Infanterie und ungepanzerten Fahrzeugen. Die zweite, größere Variante wird gegen gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt.

Die USA liefern wohl vorerst erstere Variante, die so klein ist, dass sie inklusive Abschussgerät in einen Rucksack passt. Diese Systeme können die ukrainische Kampffähigkeit schnell verbessern – ohne großen logistischen Aufwand oder eine Anfälligkeit für russische Angriffe.

Der Krieg mit herumlungernder Munition hat gerade erst begonnen

Laut Militäranalysten bieten diese Drohnen der Ukraine eine robuste Fähigkeit, russische Streitkräfte aus der Luft anzugreifen, insbesondere wenn diese Streitkräfte sich auf Straßen aufhalten, sich um ukrainische Städte konzentrieren oder in städtische Gebiete vorrücken.

Sie erwarten jedoch, dass die gelieferten Drohnen bereits in wenigen Tagen aufgebraucht sind und fordern eine systematische Ausstattung der ukrainischen Streitkräfte mit herumlungernder Munition, darunter größere Switchblade-Varianten, die Panzer ausschalten können und Drohnen aus türkischer, australischer oder polnischer Herstellung.

„Wenn diese Waffen nicht bereits massenhaft in die Ukraine geschickt werden, sollte dies geschehen“, so die Militär-Analysten Ryan Brobst und Bradley Bowman.

Diese Drohnen könnten dann auch in die Hände der territorialen Streitkräfte gelangen und die von Lee geforderten Verteidigungsfähigkeiten mit dem Kampfeswillen der Ukrainer verbinden. Ein breiter Einsatz der verhältnismäßig günstigen Drohnen könnte der Armee und Logistik Russlands massiven Schaden zufügen.

Autonome Waffen: Die Zukunft der Abschreckung

Künstliche Intelligenz soll in Zukunft eine große Rolle in den Militärs der Großmächte spielen: von autonomen Kampfjets über Echtzeitinformationen für Soldat:innen im Feld bis hin zu Cyberkriegen. Diese Entwicklungen werden eine neue Generation von Waffen hervorbringen und Kriege verändern.

Bereits heute zeigt sich das Potenzial verhältnismäßig simpler Autonomie für Angriffskriege und Abschreckung. Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Test dieser Technologien. Andere Nationen werden daraus lernen.

Herumlungernde Munition und in der Entwicklung befindliche fortschrittlichere KI-Waffen könnten in Zukunft so das Mittel der Wahl gerade für solche Nationen werden, die keine Atomwaffen oder atomare Teilhabe zur Abschreckung haben.

Der Krieg in der Ukraine lässt drei Schlüsse zu:

  • Das Zeitalter der Eroberungskriege ist nicht vorbei.
  • Autonome Waffen werden wichtiger Bestandteil der Abschreckung.
  • Und der Traum von einer Welt ohne Killerroboter ist damit ausgeträumt.

Diese Schlüsse wiederum machen deutlich, weshalb UN-Expert:innen für autonome Waffen in jahrelangen Diskussionen zu keinem Ergebnis kommen: Ein Verbot von „Killerrobotern“ mag moralisch naheliegend sein. Tatsächlich wäre es wohl wirkungslos, da entsprechende Kriegsgeräte längst im Einsatz sind, weiterentwickelt werden und im Kontext der Abschreckung an Bedeutung gewinnen.

Anfang März legten Australien, Kanada, Japan, die Republik Korea, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten einen Regulierungsvorschlag mit dem Titel „Principles and Good Practices on Emerging Technologies in the Area of Lethal Autonomous Weapons Systems“ (Download) zur Prüfung vor. Ein Verbotsversuch klingt anders.

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