KI im Krieg: Wie Künstliche Intelligenz das Schlachtfeld verändert

KI im Krieg: Wie Künstliche Intelligenz das Schlachtfeld verändert

Killerroboter oder KI-Helfer: Über Künstliche Intelligenz in der Kriegsführung und wie sie in den Krieg verändern wird.

Es gibt vier wesentliche Anwendungsbereiche für KI-Technologie im Militär: Logistik, Aufklärung, Cyberraum und Kriegsführung.

In den ersten drei Bereichen sind moderne KI-Anwendungen bereits im Einsatz oder werden getestet. KI hilft, Logistikketten zu optimieren, notwendige Wartungen vorherzusagen, Schwachstellen in Software zu finden und riesige Datenmengen zu verwertbaren Informationen zusammenzuführen.

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Künstliche Intelligenz (Erklärungen) hat daher schon jetzt eine Auswirkung auf militärische Operationen. Doch der Kampf selbst wird noch immer primär von Menschen ausgeführt. Mit der Entwicklung vollständig autonomer Waffensysteme könnte sich das ändern.

Die dritte Revolution in der Kriegsführung

Ein Vorbote KI-gestützter Kriegsführung ist die wachsende Anzahl ferngesteuerter Drohnen in Konfliktgebieten überall auf der Welt: Zwischen 2009 und 2017 nahm die Zahl amerikanischer Soldaten im Kampfeinsatz um 90 Prozent ab und die Zahl der US-Drohnenschläge stieg um das Zehnfache. Heute fliegen amerikanische, russische, israelische, chinesische, iranische und türkische Drohnen Angriffe im Nahen Osten, auf dem afrikanischen Kontinent oder in Südostasien.

Autonome Drohnen, die selbstständig ihre Ziele identifizieren und angreifen, sind der nächste logische Schritt dieser Entwicklung und angesichts der KI-Fortschritte beim maschinellen Lernen in den letzten zehn Jahren realistisch.

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Eine MQ-9 Reaper Drohne mit einer Luft-Luft-Rakete

Die US Air Force testet die für die Aufklärung bewährte MQ-9 Reaper Drohne für den Luftkampf und die Raketenabwehr mit einer Luft-Luft-Rakete. | Bild: USAF

Solche Systeme werden als tödliche autonome Waffensysteme („Lethal Autonomous Weapon Systems“ – LAWS) bezeichnet. Es gibt internationale Bemühungen, sie stark zu regulieren oder komplett zu verbieten. Da sie allerdings einen Krieg entscheiden könnten, sträuben sich vor allem die großen Militärmächte gegen ein Verbot.

Denn autonome Waffen gelten als die dritte Revolution in der Kriegsführung nach der Erfindung der Atombombe und des Schießpulvers. Sie haben die gleiche Kapazität, das Mächtegleichgewicht zu ändern.

Der Verzicht auf den Einsatz von moderner KI-Technologie in Waffensystemen sei mit einem Verzicht auf Elektrizität und Verbrennungsmotoren zu vergleichen, sagt Paul Scharre, ehemaliger Soldat, Berater des US-Verteidigungsministeriums und Autor von „Army of None: Autonomous Weapons and the Future of War“ (Amazon-Link).

KI im Krieg: Autonomie in drei Stufen und herumlungernde Munition

Bereits jetzt gibt es verschiedene Waffensysteme mit unterschiedlichen Stufen der Autonomie:

  • Semi-autonome Waffensysteme (Human in the loop)
  • Überwachte autonome Waffensysteme (Human on the loop)
  • Komplett autonome Waffensysteme (Human out of the loop)

Ein Beispiel für semi-autonome Waffensysteme sind „Fire and Forget“-Raketen, die nach Abschuss durch einen Menschen selbstständig ein zuvor bestimmtes Ziel angreifen. Das erlaubt Piloten, mehrere Ziele kurz hintereinander anzugreifen. Die Raketen werden weltweit von Militärs in der Bekämpfung von Luft- und Bodenzielen eingesetzt.

Aktuelle überwachte autonome Waffensysteme sind defensiv ausgerichtet und kommen überall dort zum Einsatz, wo die menschliche Reaktionszeit mit der Geschwindigkeit des Gefechts nicht mithalten kann.

Ein Aegis-Operator auf der USS Mustin

Das Aegis-System lässt sich an die Anforderungen eines Kapitäns anpassen und wird von Spezialisten bedient. Im Falle eines Angriffs kann eine automatisierte Verteidigung aktiviert werden. | Bild: US Navy

Einmal von einem Menschen aktiviert, greifen sie selbstständig Ziele an – allerdings unter konstanter menschlicher Überwachung. Beispiele sind das auf Marineschiffen eingesetzte Aegis-Kampfsystem, das nach Aktivierung selbständig Raketen, Helikopter und Flugzeuge angreift oder die Raketenabwehrsysteme Patriot und Iron Dome. Über 30 Staaten setzten bereits solche Systeme ein, sagt Scharre.

Komplett autonome Waffensysteme suchen sich dagegen nach einmaliger Aktivierung durch einen Menschen ihre Ziele selbständig und können sie ohne menschlichen Befehl angreifen. Erste Varianten solcher Systeme gibt es bereits, etwa die israelische Kamikaze-Drohne Harop, die Radarsysteme aufspürt und ausschaltet. Initiierte Angriffe können vom Menschen abgebrochen werden.

Die Harop-Drohne gehört zur neuen Waffengattung der „herumlungernden Munition“ (Loitering Munition), also mit Sprengköpfen beladene Flugdrohnen. Sie können Truppen Luftunterstützung geben, ohne Kampfflugzeuge oder -helikopter in Gefahr zu bringen.

Dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Autonomiestufen verschwimmen, zeigt sich am Beispiel der Harop-Drohne deutlich. Ähnlich wie der Hersteller Israel Aerospace Industries bewirbt auch die polnische WB Group die vergleichbare panzerbrechende Warmate-Drohne mit zahlreichen Autonomiefunktionen. Beide Hersteller legen jedoch Wert darauf, dass ein Mensch den Angriff jederzeit abbrechen kann oder im Falle der Warmate-Munition initiieren muss.

Die Nähe solcher Waffensysteme zu tödlichen autonomen Waffen könnte ein Grund sein, weshalb sich die Bundesregierung gegen eine ursprünglich für 2013 geplante Beschaffung der Harop-Drohnen entschied.

Der Stand bei autonomen Kriegsmaschinen

Vollständig autonome Flugdrohnen, die Gesichtserkennung für gezielte Eliminierungsmissionen einsetzen, selbstfliegende Kampfflugzeuge, Panzerdrohnen oder Robotersoldaten gibt es bisher nicht. Eine komplett autonome Kriegsmaschinerie ist derzeit nur eine mögliche Zukunftsvision der KI-gestützten Kriegsführung.

Dass entsprechende Kriegsgeräte noch nicht gebaut werden, hat technisch betrachtet vor allem einen Grund: Die benötigte KI-Technologie existiert noch nicht. Der Machine-Learning-Boom der letzten Dekade hat zwar unzählige Fortschritte in der KI-Forschung hervorgebracht, aber aktuelle KI-Systeme sind nicht für den militärischen Einsatz geeignet.

Sie versprechen in der Theorie zwar Präzision, Verlässlichkeit und eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit. Doch in der Praxis scheitern sie noch immer an der Komplexität der echten Welt. Die KI-Systeme verstehen keinen Kontext, kommen nicht mit sich ändernden Umständen zurecht, sind anfällig für Angriffe und schon gar nicht dafür geeignet, ethische Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen.

Aus den gleichen Gründen fährt trotz massiver Investitionen und großer Versprechen auch 2020 noch kein autonomes Auto souverän über unsere Straßen.

Gesichtserkennungssysteme kommen zwar im zivilen Umfeld zum Einsatz, sollten es aber nicht: Sie sind vorurteilsbelastet und ungenau. Bilderkennungsalgorithmen erkennen nur die Daten wieder, mit denen sie trainiert wurden und sie sind verhältnismäßig leicht auszutricksen.

Ein Einsatz der KI-Technik im militärischen Kontext wäre daher im besten Fall unverantwortlich – im schlimmsten Fall fatal.

Mensch-Maschine-Kooperation

Die Schwächen der aktuellen KI-Systeme könnten überwunden werden, sofern die KI-Forschung nicht in eine Sackgasse läuft. Die Forschungsabteilung des US-Militärs DARPA fördert entsprechende Versuche mit Milliarden US-Dollar.

Bis hier ein Durchbruch gelingt, liegt der Fokus von Militär und Rüstungskonzernen auf der Vernetzung und Entwicklung von Systemen, die mit Menschen kooperieren. Die Systeme sollen eigenständig fliegen, fahren, tauchen, Informationen sammeln, festgelegte Ziele selbstständig angreifen oder Nachschub liefern. Aber ihre Aufgaben, Ziele und Freigaben bekommen sie immer von einem Menschen.

Die US Air Force testet etwa im Rahmen des „Loyal Wingman“-Programms die XQ-58A-Drohne von Kratos. Die Stealth-Drohnen sollen günstig sein und könnten schon Mitte 2020 an der Seite eines menschlichen Piloten fliegen, von ihm Befehle entgegennehmen, aufklären, Ziele bekämpfen und ihn verteidigen.

Auch Boeing hat eine Loyal-Wingman-Drohne entwickelt und verkauft sie an die australische Luftwaffe (RUAF). Die russische Luftwaffe setzt dagegen auf die größere S-70-Okhotnik-Drohne.

Die US Navy setzt die unbewaffnete MQ-25A-Stingray-Drohne ein. Sie ist ein autonomes Tankflugzeug, das die effektive Reichweite der auf einem Flugzeugträger stationierten Kampfjets verdoppeln könnte. Damit könnten die verwundbaren Träger außerhalb der Reichweite von Langstreckenraketen wirksam werden.

Geschützt werden könnten die Flugzeugträger in Zukunft von semi-autonomen Schiffen wie dem US-Navy-Zerstörer Sea Hunter oder dem Orca-U-Boot von Boeing. Auch hier spielen finanzielle Überlegungen eine Rolle: Auf See kostet die Sea Hunter die Navy 20.000 US-Dollar pro Tag. Ein bemannter Zerstörer kostet dagegen etwa 700.000 US-Dollar pro Tag.

Für den Einsatz am Boden entwickeln Rüstungsunternehmen verschiedene Waffen wie die Kampfdrohne Ripsaw M5, die Panzer der US Army begleiten soll, oder den russischen Uran-9-Panzer, der bereits – wohl wenig effektiv – in Syrien eingesetzt wurde. Die US-Infanterie operiert mit winzigen Aufklärungsdrohnen mit Wärmebildkameras, die US Air Force testet den teilautonomen Roboterhund Spot von Boston Dynamics.

US-Soldat mit Black Hornet Drohne

Die US-Armee setzt auf die winzige Black-Hornet-Drohne für eine schnelle Aufklärung durch die Infanterie. | Bild: DoD

Kognitive Assistenz statt Killerroboter

Aktuell verfügbare KI-Systeme wandern auf einem schmalen Grat zwischen semi-autonomer und vollständig autonomer Waffe. Diese Unterscheidung wird mit den neuen Waffensystemen noch schwieriger, auch wenn die KI-Abteilung des Pentagon (Joint Artificial Intelligence Center) kürzlich versicherte, man arbeite nicht an Killerrobotern. Der Fokus des US-Militärs läge auf der kognitiven Assistenz in der gemeinsamen Kriegsführung, sagt JAIC-Chef Nan Mulchandani.

Doch Systeme wie die Wingman-Drohnen könnten in Zukunft völlig autonom operieren, sofern ausreichend leistungsstarke KI-Technologie entwickelt wird. Die notwendigen Programme existieren schon: Die DARPA testete kürzlich einen KI-Piloten im simulierten Luftkampf und die US Air Force möchte im Juli 2021 eine bewaffnete autonome Drohne gegen einen Kampfjet antreten lassen. Entsprechende Entwicklungen und Anschaffungen des russischen und chinesischen Militärs könnten die aktuell vorherrschenden Hemmungen des Militärs anderer Staaten gegenüber autonomen Waffen schnell beseitigen.

Vorerst wird die KI-Revolution der Kriegsführung jedoch die von Logistik, Aufklärung und unterstützenden Systemen bleiben, die an der Seite von Menschen arbeiten. Das reicht bereits, um das Schlachtfeld grundlegend zu verändern.

 Titelbild: USAF