KI-Cheats in Videospielen: Tschüss, Online-Gaming

KI-Cheats in Videospielen: Tschüss, Online-Gaming

Eine KI-gestützte Zielhilfe für Call of Duty verleiht PC- und Konsolen-Spielern übermenschliche Fähigkeiten. Ist das der Anfang vom Ende des kompetitiven Online-Gamings außerhalb kontrollierter Umgebungen?

Activision hat ein hohes Interesse daran, die eigenen Online-Games wie Call of Duty cheatfrei zu halten: Allein die Mikrotransaktionen, die eine regelmäßige Nutzung und damit Spaß am Spiel voraussetzen, spülen dem Spiele-Publisher hunderte Millionen US-Dollar pro Quartal in die Kassen – Tendenz steigend.

Zu viele Cheater sind mit die größte Spielspaß-Gefahr für eine Gaming-Community: Durch Software-Tricks verschaffen sie sich übermenschliche Fähigkeiten und stören so den Spielfluss. Entsprechend vehement setzt sich Activision zu Wehr, beispielsweise mit rechtlichen Schreiben an Cheat-Entwickler. Dennoch muss sich der Spielekonzern bei Call of Duty und dessen Free-2-Play-Version Warzone immer wieder neuen Cheat-Innovationen zu schlagen geben.

Cheater am PC und Konsole sind schon ohne KI ein Problem

Auf dem PC bieten zahlreiche Cheat-Entwickler Aimbots und andere Hacks an, die direkt auf die Spieldateien zugreifen und so Spieler etwa durch Wände sehen lassen. Konsolen sind ebenfalls nicht sicher: Externe Module, die zwischen Controller und Konsole geschaltet werden, lassen Scripts zu, die etwa den Rückstoß automatisch kompensieren.

Activision schickt zwar regelmäßig Unterlassungsklagen an Cheat-Anbieter, die aber den Cheatern selbst egal sein können. Erst kürzlich nahm das Warzone-Entwicklerstudio Raven Software innerhalb einer Woche über 50.000 Cheater-Accounts aus dem Spiel. Auch andere Online-Shooter wie Rainbow Six: Siege, PUBG, CS:GO, Overwatch, Valorant oder Escape from Tarkov sind vom Cheater-Problem betroffen.

Als wären diese traditionellen Cheater, die sich wenigstens dem Risiko aussetzen müssen, entdeckt und bestraft zu werden, nicht schon genug, kündigt sich jetzt eine neue Cheater-Generation an, die sich KI-Fortschritte aus dem Bereich des maschinellen Sehens zunutze macht. Die Krux: KI-Cheater sind mit klassischen Erkennungsmethoden derzeit kaum oder nicht mehr identifizierbar.

Die nächste Generation Cheating

Anfang Juli machte ein Cheat-Jäger auf Twitter auf die „nächste Generation des Cheating“ aufmerksam. Ein auf maschinelles Sehen trainierter KI-Algorithmus spürt in Call of Duty: Modern Warfare und Call of Duty: Black Ops 3 per Bildanalyse gegnerische Spieler selbstständig auf und greift sie an.

Knapp zehn Tage später verschwindet die Webseite zum KI-Cheat-Tool samt Discord-Server. Übrig bleibt nur eine Nachricht des Cheat-Entwicklers: Er habe auf Wunsch von Activision Publishing die Entwicklung und Verbreitung der Software eingestellt.

Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet: Mindestens 500-mal wurde das KI-Werkzeug „Userviz“ (User Vision Pro) verkauft. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Anbieter auftauchen oder Nutzer den Cheat nachbauen und kostenlos zur Verfügung stellen.

Bildanalyse-KI pfuscht mit dem Blick von außen

Userviz setzt auf eine Open-Source-Bibliothek für die KI-Bildanalyse, um das Videospiel-Bild in Echtzeit zu analysieren. Das KI-Cheat-Werkzeug kann für jeden Shooter trainiert werden.

Beim Training lernt das Computer-Vision-Modell, selbstständig Gegner zu erkennen und zu tracken, liest die Waffennamen vom Bildschirm ab, lädt das passende Anti-Rückstoß-Script oder greift auf Wunsch automatisch nur die Beine, den Kopf oder den Körper des Gegners an. Die Genauigkeit und Geschwindigkeit der Zielhilfe lassen sich stufenlos anpassen, ebenso die Größe des zu analysierenden Bildausschnitts.

Userviz ist anders als bisherige Cheater-Technik, da das KI-Cheat-Werkzeug nicht in Spieldateien eingreift. Stattdessen wird Userviz auf einem separaten PC installiert, an den das Spielbild der Konsole oder des Gaming-PCs über eine Capture-Karte oder per Internet übertragen wird.

Auf diesem separaten PC analysiert Userviz das Bild und sendet die passenden Eingaben von Controller oder Maus und Tastatur über ein externes Modul, das Bildanalyse unterstützt, zurück an das Gaming-Gerät.

Der Entwickler von Userviz  gibt an, dass seine Erfindung auf allen Konsolen und dem PC funktioniert und etwa für Serverbetreiber nicht erkennbar ist: Die KI sendet die Eingabesignale wie ein Spieler ans Spiel. Der KI-Cheat könnte insbesondere schlechten und mittelmäßigen Spielern zu besseren Resultaten verhelfen. Hervorragende Spieler sollen weniger profitieren, was sich mit besser trainierten Algorithmen zukünftig ändern könnte.

KI-Cheats: Nicht nur für Shooter

Die Möglichkeit, KI-Bildanalyse für Cheats zu nutzen, ist eines der Verkaufsargumente des von Userviz genutzten Übertragungsmoduls. Im April zeigte der Hersteller bereits ein Video, das den Einsatz von KI-Bildanalyse in NBA 2K21 für konsistente Treffer aus allen Positionen demonstriert.

Noch ist der Gebrauch solcher KI-Werkzeuge an den Besitz einer starken Grafikkarte gebunden. Doch durch immer effizientere Bildanalyse-Algorithmen und immer bessere Edge-KI-Chips werden spätestens in einigen Jahren autonome Komplettlösungen auf dem Markt erscheinen.

Mit Algorithmen gegen Algorithmen

Davon auszugehen, dass sich die KI-Cheat-Technik wieder eindämmen lässt, wäre naiv. Stattdessen braucht es wohl ebenfalls KI-Lösungen, die KI-Cheater identifizieren. Sie könnten etwa die Maus- oder Stick-Bewegungen von Spielern auf für das menschliche Auge kaum wahrnehmbare Muster untersuchen.

Somit setzt sich das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cheat-Anbietern und Anti-Cheat-Programmen auch bei Künstlicher Intelligenz fort und dürfte zu neuen Werkzeugen und rasanten Verbesserungen führen. Der Ausgang des Wettrennens zwischen Prüfer und Fälscher ist wie bei Deepfakes ungewiss, denn das KI-Spielfeld ist neu, und es besteht die Möglichkeit, dass KI-generierte Ein- oder Ausgaben eines Tages nicht mehr vom Original zu unterscheiden sind. Spätestens dann hat das kompetitive Online-Gaming außerhalb kontrollierter Umgebungen ein großes Problem.

Der Steam-Betreiber und Spieleentwickler Valve setzt bereits seit 2018 auf maschinelles Lernen, um Cheater in Counter-Strike: Global Offensive zu entdecken: VACnet nutzt die Daten menschlicher Cheat-Analysten bei Overwatch für das KI-Training und verbindet diese mit Informationen über die Geschichte des untersuchten Accounts.

Entdeckte Cheater werden von Valve nicht gebannt: Sie müssen mit anderen Cheatern zusammenspielen. Da auch Cheater nicht gerne gegen Cheater spielen, könnte dieses Vorgehen zumindest einen pädagogischen Effekt erzielen.

Titelbild: User Vision Pro, Screenshot aus Trailer

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