Kommentar

Mit der Facebook Login-Pflicht für Oculus legt der Social-Media-Riese bei VR die Karten auf den Tisch: Es geht um Daten, klar. Neu ist, was Facebook mit diesen Daten anstellen kann.

Als Facebook-Chef Mark Zuckerberg 2014 drei Milliarden US-Dollar für das kleine VR-Startup Oculus auf den Tisch legte, glaubte er, dass er eines Tages hunderten Millionen oder gar Milliarden Menschen eine VR-Brille auf den Kopf ziehen kann.

Jetzt, rund sechs Jahre später, ist klar: VR wird nicht so schnell das nächste große Tech-Ding, wenn überhaupt. Das Technikversprechen der Virtual Reality, also die vollkommen immersive Reise in andere Welten, ist zwar gigantisch und könnte die Menschheit verändern.

Aber die Darreichungsform, nämlich eine abschirmende, klobige Tech-Brille, mit der man in digitalen Welten vor reale Wände läuft, taugt nicht für ein Massenpublikum. Einen Computer im Gesicht tragen, das ist jetzt eine große Hürde und wird es in zehn Jahren noch sein. Das gilt mit Abstrichen auch für Augmented Reality.

Selbst ein VR-Gaming-Markt auf Konsolen-Niveau wäre für Facebook kleines Geld

Mit weiteren hohen Investitionen und ein bisschen Fortüne mag es Facebook gelingen, über viele Jahre hinweg einen stabilen VR-Markt aufzubauen: 50 oder 100 Millionen aktive VR-Nutzer, hauptsächlich Spieler, einige Unternehmen.

Vielleicht ist sogar ein Markt in der Größenordnung von Spielekonsolen möglich, circa 200 Millionen Nutzer und aufwärts. Bei der Ankündigung von Oculus Quest (Test) war auch die Rede von der ersten “VR-Konsole”.

So ein Markt wäre dann Milliarden wert: Allein 2019 soll die Konsolensparte circa 15 Milliarden US-Dollar umgesetzt haben. Das ist viel Geld – aber nicht für Facebook, das im gleichen Jahr fast ausschließlich durch digitale Werbung mehr als 70 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat. Das Wachstumspotenzial im Konsolen-Markt ist eher gering, die Umsätze sind seit circa 20 Jahre auf einem konstanten Niveau.

Was ist mit den Milliarden Nicht-Spielern? Die könnten sich die VR-Brille doch aufziehen und sich gegenseitig als Avatare zuwinken in einer synthetischen Facebook 3D-Welt?

Ausgeschlossen ist das nicht, Facebook wird es zumindest versuchen. Aber ein Erfolg ist ohne massive Fortschritte beim Nutzungskomfort unwahrscheinlich. Für den bräuchte es Technologie, die noch nicht erfunden ist – und dann wäre da noch immer Facebooks Image-Problem. Ein Metaverse im Ready-Player-One-Stil ist eine sehr weit entfernte Zukunftsvision.

Facebook will im blauen Ozean schwimmen

Außerdem ist Facebook auf der Suche nach Geschäftsmodellen, die im großen Stil über Software skalieren bei möglichst wenig Kapitaleinsatz. Das ist die typische Silicon-Valley-Schule, in deren Lehrplan der millionenfache Vertrieb von betreuungsintensiver VR-Technik nicht so recht reinpassen mag.

Bei seiner Keynote auf der Connect 4 brach Facebook-Chef Zuckerberg eine Lanze für das soziale Potenzial der VR-Brille.

2017 wollte Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch eine Milliarde Menschen in VR bringen. 2018 waren es dann zehn Millionen. Die Zielausgabe wurde an die Marktentwicklung angepasst. | Bild: Facebook / Screenshot Oculus Connect

Weshalb also steckt Facebook weiter so viel Geld und Arbeit in eine Technologie, die so schwer zu verkaufen ist, dass große Tech-Konzerne wie Samsung, Microsoft und Google sie nach einem kurzen Zwischenspiel schon wieder aufgegeben haben?

Die Antwort liegt, wie immer bei Facebook, auf der Zwischenebene: Es geht nicht um das Produkt. Es geht um die Daten, die das Produkt generiert. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist, was Facebook mit diesen Daten vorhaben könnte.

Das eigentliche Ziel von Facebooks XR-Strategie könnte bessere Künstliche Intelligenz sein

Die nächste Computerrevolution ist Künstliche Intelligenz: Sie verändert, wie Menschen mit Computern umgehen und Computer mit Menschen. Es entstehen neue Arten von Software und mit ihr Anwendungsszenarien, die Alltag und Arbeit grundlegend verändern.

Triebfeder des KI-Fortschritts sind Daten: Immer größere, komplexere KI-Modelle verlangen nach umfangreichen Datensätzen beim KI-Training. So lernen die Maschinen über die Welt und die Menschen. Durch unsere Daten erlangt KI ihre Fähigkeiten.

Just an dieser Stelle könnte sich der Kreis zu Facebooks XR-Strategie schließen: Aktuelle und zukünftige VR-Brillen funktionieren, indem sie unsere Körpersprache lesen. Durch ihre Funktion generieren sie, scheinbar als Nebenprodukt, völlig neue Datensätze über Menschen.

Körpersprache: Das fehlende Puzzleteil im Datengeschäft

Eye-Tracking- und Körpertracking-Systeme analysieren Augen- und Körperbewegungen oder die Haltung des Brillenträgers. Das ermöglicht Rückschlüsse auf Verhaltensmuster, Instinkte und sogar unbewusste Intentionen im Kontext konkreter Inhalte.

Wenn in der “Der Exorzist” das virtuelle Licht ausgeht, schreite ich mit der Taschenlampe mutig voran oder kauere ich in der Ecke? Schließe ich die Augen in der VR-Brille (Vergleich) oder reiße ich sie angsterfüllt auf? In Beat Saber kann ich Blöcke lässig aus dem Handgelenk zerschneiden oder fröhlich durch den Raum tanzen. Für Körpersprache gibt es keinen Opt-out.

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Viele VR-Spiele erfordern Körpereinsatz, insbesondere das beliebte Beat-Saber-Spiel, das Facebook aufkaufte. Wie Web-Klicks im Browser verrät die Körpersprache in VR mehr über Menschen. | Bild: MIXED

Diese VR-Verhaltensdaten verschränkt Facebook jetzt mit den gesammelten Interessen und Vorlieben auf den eigenen Social-Media-Plattformen. So kann der Konzern über die Zeit Muster in den Daten entdecken: Ob bestimmte Spielertypen zu Depressionen oder Überschwang neigen, ob sie extrovertiert sind oder in sich gekehrt, ob sie grün wirklich lieber mögen als blau, ob sie dominant oder devot sind – unsere Körper erzählen viel über uns.

Durch die Kombination der VR-Daten mit Facebooks Netzwerken sind der Mensch-Analyse so kaum noch Grenzen gesetzt. Das Resultat sind Personen- und Charakterprofile in einem Detailgrad, der weit über das hinausgeht, was mit einfachem Web-Tracking möglich ist.

KI lernt Mensch

Diesen exklusiven Datenzugang nur für personalisierte Anzeigen zu verwenden, wäre Verschwendung. Natürlich ist immer wirksamere Werbung Facebooks Kerngeschäft und wird es für viele Jahre bleiben.

Viel weitreichender ist jedoch die Frage, wie Facebook mit den XR-Daten Künstliche Intelligenz trainieren wird: Der Konzern könnte, womöglich als einziger, KI-Modelle mit einem grundlegenden Verständnis für menschliche Verhaltensweisen trainieren. Diese KI könnte dann Verhalten und Vorlieben in vielen unterschiedlichen Szenarien und über zahlreiche Charaktertypen hinweg vorhersagen.

Auf Basis dieser KI-Modelle würden Anwendungen entstehen, die in alle Lebensbereiche eindringen – vom persönlichen Assistenten in den eigenen vier Wänden, der schon anhand unserer Körperhaltung verlässlich unsere Laune erkennt, bis hin zu Personalauswahl-Software, mit der Unternehmen homogene Teams auf Knopfdruck rekrutieren.

Sogar in den medizinischen Bereich könnte Facebook vordringen und beispielsweise psychische Krankheiten diagnostizieren, noch bevor sie sich bewusst manifestieren. Dass Facebooks KI-Forschung auch im medizinischen Kontext stattfindet, zeigt ein kürzlich veröffentlichtes Experiment zur KI-Beschleunigung von MRT-Scans. KI mit Menschenverständnis: Das Umsatzpotenzial wäre grenzenlos.

VR vor sechs Jahren und heute: Pläne ändern sich

Nun hat ein Konzern wie Facebook viele Pläne in der Schublade. Dinge passieren, Ziele verändern sich. Als Zuckerberg 2014 mit Oculus startete, war die KI-Zukunft lange nicht so konkret, wie sie es heute ist. Dafür stand VR vor einer goldenen Zeit, wurde gar als Smartphone-Ersatz gehandelt. Heute sieht die Lage anders aus.

Dennoch ist es möglich, dass Facebook nach wie vor ein funktionierendes VR-Ökosystem als primäres Ziel hat. Weshalb auch nicht: Je mehr VR-Nutzer es gibt, desto mächtiger wird der Datensatz. Und der mögliche Umsatz durch beispielsweise VR-Spiele lässt Facebooks Investoren zwar nicht in die Hände klatschen – aber Geld ist Geld und das Hardware-Geschäft wäre ein weiteres Standbein.

Andererseits könnten Facebook schon fünf oder zehn Millionen regelmäßige VR-Nutzer reichen für eine mit Blick auf das KI-Training signifikante Datensammlung. Und: Facebook würde Stand jetzt diesen exklusiven KI-Rohstoff kontrollieren. Selbst wenn das VR-Marktwachstum also wie gehabt gering ausfällt, hätte Facebook guten Grund, weiter in die Technologie zu investieren.

Der jetzt eingeführte Facebook-Login-Zwang für Oculus beweist jedenfalls: Facebook ist für die eigene Zukunftsvision dazu bereit, die aktuelle Kernzielgruppe vor den Kopf zu stoßen und womöglich sogar zu vergraulen. Was der Konzern langfristig im Blick hat, ist offenbar mehr wert als die Bindung der ersten VR-Enthusiasten.

Titelbild: Michael Abrash, Chefforscher von Facebook Reality Labs, erklärt Funktion und Potenzial von Eye-Tracking in VR-Brillensteady2

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