Dokumentation „In Silico“ zeigt, wie das „Human Brain Project“ implodierte

Dokumentation „In Silico“ zeigt, wie das „Human Brain Project“ implodierte

Was wäre, wenn wir das menschliche Gehirn in einem Computer simulieren könnten? Diese Frage sollte das Human Brain Project beantworten. Die Dokumentation „In Silico“ folgt dem umstrittenen Mann, der die Beantwortung dieser Frage zu seinem Lebensprojekt gemacht hat.

Am 1. Oktober 2013 startete das Human Brain Project (HBP), ein Milliarden-Euro schweres Forschungsprojekt der Europäischen Kommission unter der Leitung des Hirnforschers Henry Markram von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL).

Das Projekt läuft noch bis 2023 und soll insgesamt 1,19 Milliarden Euro kosten. Es ist der größte Beitrag, den die EU bislang für ein einzelnes Forschungsprojekt ausgab und soll Europa direkt an die Weltspitze der Neurowissenschaft bringen.

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Über 110 Forschungsteams aus 24 Ländern wollen in 13 Teilprojekten das Gehirn besser verstehen und neue Erkenntnisse für Anwendungsfelder wie Medizin oder KI schaffen. Markrams großes Ziel: die Simulation des menschlichen Gehirns im Computer.

Regisseur Noah Hutton ist 22 Jahre alt, als er 2009 Henry Markram das erste Mal sprechen hört. Markham erzählt über sein „Blue Brain Project“, mit dem er innerhalb einer Dekade ein Nagetier-Gehirn vollständig mit dutzenden Millionen Neuronen simulieren will.

Hutton nimmt Kontakt mit Markram auf und begleitet das Projekt anschließend dokumentarisch über zehn Jahre. Damals weiß Hutton noch nicht, dass er wenige Jahre später das Auf und Ab eines der teuersten Forschungsprojekte des 21. Jahrhunderts miterleben wird.

Markram will sein Projekt massiv erweitern

Hutton dokumentiert in In Silico, wie sich Markram 2012 mit dem Human Brain Projekt für das „Future and Emerging Technologies Flagship“-Programm der EU bewarb. Der Film suggeriert, dass Markram darin die Möglichkeit sah, sein Blue Brain-Projekt stark zu erweitern – von einem Nager- zu einem Menschenhirn.

Doch seine vollmundigen Versprechen stoßen innerhalb der Neurowissenschaft immer wieder auf Unverständnis. Die Vision des menschlichen Gehirns im Computer halten viele für illusorisch.

„Henry hat zwei Persönlichkeiten“, sagt etwa Christof Koch, Präsident des Allen Institute for Brain Science in Seattle, Washington. „Die eine ist ein fantastischer, nüchterner Wissenschaftler … die andere ist ein PR-gesteuerter Messias.“

Markram verfolgt sein Projekt jedoch konsequent und stößt damit seine Kollegen vor den Kopf: 2014 streicht die HBP-Führung etwa ein Teilprojekt der kognitiven Neuroforschung für Denkprozesse und Bewusstsein. Der Fokus soll auf der Hirnsimulation liegen.

Markrams Führungsstil kostet ihn den Job

Da Makram trotz großer Kritik sein Verhalten nicht ändert, schreiben 150 Neurowissenschaftler einen offenen Brief an die EU-Kommission und kritisieren seinen dominanten Führungsstil. 800 Neurowissenschaftler aus aller Welt unterschreiben den Brief.

Die Kritik geht durch alle Medien, ein Schlichter wird eingeschaltet. Im März 2015 erscheint der Bericht des Schlichters, nahezu gleichzeitig ein erster Jahresbericht eines Expertenrates der EU-Kommission. Auch dort wird die Führungsstruktur kritisiert.

Beide Papiere verlangen mehr Mitbestimmungsrecht für die beteiligten Forscher. Der Schlichter schlägt ein Konsortium aus fünf über Europa verteilten Institutionen vor und das Fernziel einer europäischen Neuro-Forschungseinrichtung nach dem Vorbild des Cerns. Die kognitiven Neurowissenschaften sollen wieder an Bord geholt werden.

Zu diesem Zeitpunkt ist Markram seine Führungsposition schon los:  Am 3. März wird das von Markram angeführte dreiköpfige Exekutivkomitee entmachtet. Die 22 Mitglieder des HBP-Direktoriums übernehmen die Entscheidungsgewalt.

Blue Brain Project lebt weiter

In Silico begleitet Markram noch drei weitere Jahre. Der Hirnforscher arbeitet weiter am Blue Brain-Projekt, doch sein Versprechen, die komplette Hirnsimulation sei nur noch wenige Jahre entfernt, verfängt nicht mehr.

Huttons Dokumentation gibt einen Einblick hinter die Kulissen des Milliarden-Projekts und beleuchtet den umstrittenen Forscher und seine radikalen Ziele. Dessen vorläufiges Scheitern wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist die Annahme, das Gehirn wäre eine Art biologischer Computer, mehr ein leicht zu begehender Trugschluss als ein aussagekräftiges Modell?

Die Geschichte des HBP zeigt jedenfalls eindrücklich, dass wegweisende Wissenschaftsprojekte teuer, voller Rückschläge und wohl besser in der Hand vieler als einiger weniger Personen sind. In Silico wurde auf dem Film-Festival DocNYC 2020 gezeigt und soll 2021 erscheinen.

Titebild: In Silico | Via: Human Brain Project, Nature

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