Deepfakes: Aus der Schmuddelecke ins digitale Rampenlicht

Deepfakes: Aus der Schmuddelecke ins digitale Rampenlicht

Deepfakes verlieren nach und nach ihr anfängliches Schmuddelimage und werden zum Vorzeigeprodukt synthetischer Medien. Das Start-up Synthesia liefert die Technologie für Deepfake-Schulungen, -Werbung und -Verkaufsgespräche.

In der ersten Experimentierphase taugten Deepfakes insbesondere für beeindruckende YouTube-Montagen oder Experimente in Social Media. Mit zunehmendem Reifegrad findet die neue Videotechnik jedoch vermehrt Einsatz im wirtschaftlichen Umfeld – jüngst etwa in einem Deepfake-Werbespot mit Bruce Willis für den russischen Mobilfunkanbieter Megafon.

Partner des Wirtschaftsprüfungsriesen EY testen Deepfakes im Kundenumgang. EY will damit für Abwechslung abseits der Routine-E-Mails oder Präsentationen sorgen und hofft auf eine bessere Kundenbindung.

In den synthetischen Videos sind die digitalen Nachbildungen von Mitarbeitenden zu sehen, die in kurzen Vorträgen Informationen vermitteln. Das KI-Start-up Synthesia liefert die dafür notwendige Deepfake-Technologie.

Synthesia-Deepfakes und der Welpen-Effekt

Die EY-Mitarbeitenden nutzen ihre KI-Kopien in E-Mails oder um Präsentationen aufzuwerten. Ein Partner nutzte die von Synthesia angebotene Übersetzungsfunktion, um zu einem japanischen Kunden in dessen Sprache zu sprechen. Das Unternehmen nennt die KI-Kopien intern „artificial reality identity“, kurz ARIs.

„Wir nutzen ARIs als Unterscheidungsmerkmal und um das Bild der Person zu stärken“, so Jared Reeder, der bei EY unter anderem für die KI-Doppelgänger verantwortlich ist. „Anstatt eine E-Mail zu schicken und zu sagen ’Hey, wir haben Freitag noch was vor‘, können Sie mich sehen und meine Stimme hören.“

Alle Videoclips werden als synthetisch markiert, Kunden sollen nicht getäuscht werden. Die Deepfake-Clips zeigen laut Reeder Wirkung: „Es ist, als ob man einen Welpen vor die Kamera holt“, sagt er. „Sie werden damit warm.“

40 Minuten Produktionsaufwand pro Deepfake

Synthesia liefert eine Reihe von Werkzeugen, um die Deepfake-Kopien zu erstellen. Grundlage ist eine 40-minütige Aufnahme, in der die zu deepfakende Person vor einer Kamera ein vorgefertigtes Skript vorliest. Die Video- und Audioaufnahme nutzt Synthesia für den digitalen Klon.

Kunden müssen anschließend nur noch den Text liefern, den der KI-Klon vor einem ausgewählten Hintergrund und mit vorgegebener Stimme vorliest. Wer keine digitale Kopie von sich anfertigen lassen will, kann auf über 40 vorgefertigte Deepfake-Menschen zurückgreifen. Aktuell können Texte in über 50 Sprachen in Deepfake-Videos verwandelt werden.

Das Londoner Unternehmen wurde 2017 von Forschenden und Unternehmer:innen des University College London, aus Stanford und von der Technischen Universität München sowie Cambridge gegründet. Im April 2021 erhielt es 12,5 Millionen US-Dollar Finanzierung für die Weiterentwicklung.

Synthesias Technologie kam etwa in Werbespots mit Snoop Dogg, David Beckham und Lionel Messi zum Einsatz. Über 3.000 Kunden nutzen die Deepfake-Technologie, darunter Reuters, Amazon, Nike, Google oder die BBC.

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Quelle: WIRED