ALS-Patient twittert erstmals per Gehirn-Schnittstelle

ALS-Patient twittert erstmals per Gehirn-Schnittstelle

Gehirntippen ist wie Fahrradfahren lernen, sagt der ALS-Patient Philip O’Keefe. Wenn man den Dreh einmal raus hat, fühlt es sich ganz natürlich an.

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Der 62-jährige Philip O’Keefe ist an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erkrankt. Die Krankheit befällt das motorische Nervensystem und O’Keefe verliert so die Kontrolle über seine Muskulatur. Auf herkömmlichem Wege kann er Computer, Maus und Tastatur daher nicht mehr bedienen.

Tippen per Gehirnschnittstelle

Mit der Gehirnschnittstelle „Stentrode“ der New Yorker Firma Synchron kann O’Keefe wieder am Computer arbeiten. Ähnliche Gehirn-Computer-Interfaces wurden in den letzten Jahren immer wieder demonstriert. Sie profitieren jüngst von den enormen Fortschritten bei Künstlicher Intelligenz, die bei der Entschlüsselung von Gehirndaten und deren Übersetzung in Computerbefehle und natürliche Sprache unterstützen.

Synchron beschreibt den Stentrode-Chip als „Bluetooth fürs Gehirn“: Über diesen Chip können gelähmte Patienten etwa drahtlos alltägliche Aufgaben wie E-Mails, Online-Shopping oder Online-Banking am Computer durchführen.

Eine Besonderheit des Stentrode-Systems ist, dass es minimalinvasiv über die Blutgefäße des Patienten implantiert wird (endovaskulär). Über die Halsvene schieben Ärzt:innen den Chip ins Gehirn (siehe Video ab 1:03). Eine Operation am offenen Gehirn oder eine Bohrung durch den Schädel ist daher nicht notwendig. Eine erste Machbarkeitsstudie zu Stentrode wurde 2020 im Journal of NeuroInterventional Surgery (JNIS) veröffentlicht.

Beim Twittern das Gehirn benutzen

Mit ebendiesem Stentrode-System verfasste O’Keefe jetzt seinen ersten Tweet. Er publizierte die Nachricht über den Twitter-Account des Synchron-Gründers Thomas Oxely: „Hallo Welt. Kurzer Tweet. Riesiger Fortschritt“, schreibt O’Keefe.

In weiteren Tweets erklärt O’Keefe, dass er seine Texte generiere, indem er an sie denke. Er hoffe, dass er den Weg für mehr Menschen ebne, allein per Gedankenkraft zu twittern.

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O’Keefe trägt die Gehirn-Computer-Schnittstelle von Synchron bereits seit April 2020 in seinem Kopf und setzt sie im Alltag ein. Sie ermögliche es ihm auch, sich weiter an seinen Beratungs- und anderen Geschäftsprojekten zu beteiligen, heißt es in einer Mitteilung von Synchron. Der Tweet wäre also auch schon im letzten Jahr möglich gewesen.

„Als ich das erste Mal von dieser Technologie hörte, wusste ich, wie viel Unabhängigkeit sie mir zurückgeben könnte. Das System ist erstaunlich, es ist wie das Erlernen des Fahrradfahrens – man benötigt etwas Übung, aber wenn man es einmal drauf hat, wird es ganz natürlich“, sagt O’Keefe.

Stentrode-Interface: US-Studie an Menschen für 2022 geplant

Synchron befindet sich laut eigenen Angaben mit einer kommerziell nutzbaren Neuroprothese zur Behandlung von Lähmungen bereits in der klinischen Phase und entwickelt die erste endovaskuläre implantierbare Neuromodulationstherapie.

Stentrode wurde bislang mit zwei Patienten getestet und soll im kommenden Jahr in einer US-Studie umfassend an Menschen untersucht werden. Zukünftige Anwendungen könnten dazu dienen, weitere Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson, Epilepsie, Depression und Bluthochdruck zu diagnostizieren und zu behandeln.

Auch „nicht-medizinische Lösungen“ hat Synchron auf dem Plan. Laut der Firma habe es bereits Anfragen von Spielern gegeben, die ein Gehirn-Interface wollten, mit dem sie schneller spielen könnten. Der Fokus von Synchron liegt aber derzeit rein auf medizinischen Anwendungen für gelähmte Menschen.

Synchron hat den Hauptsitz in New York City und betreibt weitere Büros im Silicon Valley, Kalifornien. Die Forschungs- und Entwicklungseinrichtung ist in Melbourne, Australien.

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Quellen: Synchron

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